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Am 20. September 1870 kapitulierte die von den Truppen Viktor Emanuels belagerte Stadt Rom. Dieses Datum steht für die endgültige Verwirklichung der italienischen Einheit [137] und zugleich auch für das Ende der weltlichen Macht der Päpste.
Es ist eine Scheidelinie zwischen zwei Kirchen und zwischen zwei Epochen.
Zwischen zwei Kirchen aus folgenden Gründen:
Vor dem zum ersten Mal [138] vollständig versammelten italienischen Parlament konnte Viktor Emmanuel am 5. Dezember 1870 ausrufen: "Italien ist frei und einig. Unsere Aufgabe ist es von nun an, es groß und glücklich zu machen!" Derartige Formulierungen pflegen die Völker leider mit blinder Begeisterung zu erfüllen: Erst später wurde deutlich, was sie wirklich wert waren. Es mußten nun noch die Beziehungen zwischen Staat und Papsttum festgelegt werden. Dies erfolgte einseitig durch das sogenannte Garantiegesetz, das vom italienischen Parlament am 2. Mai 1871 verabschiedet wurde und folgenden Inhalt hat: "In seinem ersten Teil verkündete das Gesetz die Heiligkeit und Unverletzlichkeit der Person des Papstes, gewährte ihm in Italien die Würde eines Staatsoberhauptes, eine Rente von 3 225 000 Lire, den freien und unveräußerlichen Besitz des Vatikans, des Laterans und Castel Gandolfos, die Unverletzlichkeit seines Aufenthalts und der von ihm einberufenen Konzilien, freien Verkehr mit dem gesamten Episkopat der katholischen Welt, ohne Einmischung der Regierung, sowie in Rom die Verwaltung der zum kirchlichen Bildungswesen gehörenden Akademien, Seminare, Universitäten und höheren Schulen.
Im zweiten Teil verzichtete der Staat auf jeden Anspruch auf die Besetzung der kirchlichen Ämter, die Erteilung des Exequatur und
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des Placet regium sowie die Eidesleistung der vom Papst ernannten Bischöfe; andererseits lehnte der Staat es ab, zu kirchlichen Entscheidungen seine Zustimmung auszusprechen. Sie waren in ihren Wirkungen nichtig, wenn sie sich zu den Gesetzen des Staates in Widerspruch befanden. Das war fast gleichbedeutend mit einer freien Kirche in einem freien Staat [139]."
Damals saß Pius IX. auf dem apostolischen Stuhl. Ohne irgendein Werturteil über seine Auffassung von seinem apostolischen Auftrag zu fällen, muß festgestellt werden, daß er ein Mensch war, der mit Wehmut auf jene Epoche zurückblickte, in der Europa von sich selbst noch kein anderes Bewußtsein besaß als das, die Christenheit zu verkörpern, und in der Kaiser Karl der Große die weltliche Macht erst aus den Händen eines seiner Vorgänger empfangen hatte und nach Rom zog, um sich durch ihn in seinem Amt weihen zu lassen; in der ein anderer seiner Vorgänger den Kaiser Heinrich IV. nach Canossa kommen ließ; in der unter dem Kaiser Karl V. Europa, das weiterhin die Christenheit verkörperte, noch das Heilige Römische Reich deutscher Nation war - übrigens weitaus "heiliger" und "römischer" als "deutsch". Diese Sehnsucht des Papstes wurde durch die auf dem Wiener Kongreß verkündete Heilige Allianz neu belebt. Pius IX. richtete sein Augenmerk ausschließlich auf Fragen des Glaubens, der, seiner Vorstellung nach, die Welt durch die päpstlichen Bemühungen regieren sollte. Die uns von ihm hinterlassenen Texte beweisen dies zur Genüge: insbesondere das Dogma der Unbefleckten Empfängnis (1854), das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes (1870) und der Syllabus (1864) [140]. Kurz und gut, er war ein Papst, der, gerade weil er einzig und allein sein Augenmerk auf die Probleme des Glaubens richtete,
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den wirtschaftlichen oder sozialen Fragen der Zeit völlig fremd gegenüberstand und dem es daher auch an politischem Gefühl restlos mangelte: Hochmütig, so sagte man, doch vor allem würdig weigerte er sich, das Garantiegesetz anders als unter Zwang anzuerkennen, das heißt, er erkannte es de facto, aber nicht de jure an, und betrachtete sich im Vatikan, den er von nun an zu verlassen sich weigerte, als ein Gefangener der Mächte des Teufels [141].
Die Nachfolger Pius' IX. machten zwar gute Miene zum bösen Spiel, wußten jedoch erheblichen Vorteil aus dieser neuen Situation zu ziehen: Jeglicher weltlichen Macht entkleidet, konnte es ihnen nicht entgehen, daß sie gleichzeitig von allen diesbezüglichen Bindungen befreit waren - insbesondere von der Versuchung des Kompromisses, da sie bei dieser Lage der Dinge nunmehr weder zu gewinnen noch zu verlieren hatten - und daß sie nun im geistigen Bereich ohne Risiko eine feste, bis zur absoluten Unbeugsamkeit gehende Haltung einzunehmen vermochten. Niemals haben Päpste mehr Freiheit besessen, zu sagen, was sie dachten, und es so zu sagen, wie sie es dachten. Größere Freiheit heißt aber größere Kraft. Mit Leo XIII., der im Jahre 1878 die Nachfolge von Pius IX. antrat, begann für die Kirche ein geistiger Aufstieg, der ihr moralisches Ansehen auf eine nie zuvor gekannte Höhe erhob.
Wir verdanken Leo XIII. eine ganze Reihe von Schriften, deren Inhalt sicherlich anfechtbar ist, deren glänzende Form jedoch eine unvergleichliche geistige Beweglichkeit erkennen läßt. Die berühmteste ist die Enzyklika Rerum novarum (1891) gegen den Marxismus, doch sind alle anderen, obwohl vergessen, nicht weniger bemerkenswert: die Enzyklika Immortale Dei (1883) über die Staatsordnung (sie erregte in Deutschland ein solches Aufsehen, daß der
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Einfluß der Katholiken in der Politik gewaltig wuchs; Bismarck kam plötzlich nicht mehr ohne sie aus, wollte er den Sieg seiner Politik im Reichstag sichern, und mußte, um ihre für ihn unerläßliche Mitwirkung zu erlangen, vor ihnen kapitulieren und die unter dem Zeichen des Kulturkampfes gegen sie verabschiedeten Gesetze aufheben); die Enzyklika Sapientiae (1890) über die Pflichten des christlichen Staatsbürgers (sie zeigte eine Politik auf, die später Politik des Ralliement [142] genannte wurde, nachdem sie dem französischen Episkopat durch ein Schreiben (1892) in Erinnerung gerufen worden war, das diesen dazu anhielt, die Gläubigen zur Aufgabe ihrer systematischen Opposition gegen die bestehende Regierungsform zu veranlassen); ferner die Enzyklika Graves de communi (1901), eine klare und umfassende Darstellung der christlichen Auffassung von der Gesellschaft, die, in engem geistigen Zusammenhang mit der Enzyklika Rerum novarum gesehen, ihm den Ruf des "Arbeiterpapstes" einbrachte, usw.
Das Pontifikat Pius' X., der im Jahre 1903 die Nachfolge Leos XIII. antrat, war von Anfang an durch ein für die Kirche sehr schwerwiegendes Ereignis in schmerzlicher Weise geprägt, nämlich durch das Gesetz über die Trennung von Kirche und Staat in Frankreich. Dieses Gesetz veranlaßte ihn zu zwei päpstlichen Rundschreiben, mit denen sich ein freier und unabhängiger Mensch nur schwer einverstanden erklären kann, den Enzykliken Vehementer (11. Februar 1906) und Gravissimo (10. August des gleichen Jahres). Sie waren jedoch eine Entgegnung auf gewisse Exzesse in der Konzeption des Gesetzes und seiner Anwendung, die ein freier und unabhängiger Mensch ebensoschwer akzeptieren kann. Nachdem die Zeit, diese große Ausgleicherin der Gegensätze, ihr Werk verrichtet hat, geht heutzutage die Tendenz fast allgemein dahin, in jenen beiden ein wenig über das Ziel hinausschießenden Enzykliken vor allem eine wohlverständliche Abwehrreaktion der Kirche gegenüber dem fanatischen Antiklerikalismus des Väterchen
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Combes zu sehen: Dieser war vornehmlich darum besorgt, die Aufmerksamkeit von den auf sozialen Gebiet erzielten Ergebnissen einer Republik abzulenken, die hier die in sie gesetzten Erwartungen bei weitem nicht erfüllt hatte, und eine gewaltige, von großem Ehrgeiz erfüllte Arbeiterbewegung auf Ziele hinzuleiten, die den wohlhabenden Schichten weniger teuer zu stehen kommen würden. Staat und Kirche sind de jure auch heute noch getrennt, doch de facto sind die Ordensgesellschaften mit allen ihren Vorrechten zurückgekehrt, die Gemeinden halten die Kirchen instand, der Staat subventioniert die Konfessionsschulen und . . . es hat nicht den Anschein, als würde die geistige - und materielle! - Zufriedenheit der Franzosen sonderlich dadurch beeinträchtigt. Man hat Pius X. ferner auch seine Enzyklika Pascendi (8. September 1907) zum Vorwurf gemacht, mit der er sich gegen die Einführung des Modernismus in die kirchlichen Riten wandte, weil er ihn für unvereinbar mit der Integrität des Glaubens ansah. Aber das ist ein Problem, das nur die Katholiken angeht. Da der Verfasser dieses Werkes keinerlei Bindungen gegenüber der Kirche besitzt, also nicht betroffen ist, maßt er sich nicht das Recht an, hierzu Stellung zu nehmen.
Das Ende dieses Pontifikates stand unter dem Zeichen eines anderen, nicht weniger schmerzlichen Ereignisses, das jedoch dieses Mal die ganze Welt betraf: des Ersten Weltkrieges. Hierzu gibt es 240 Zeugnisse von Diplomaten, Prälaten, Professoren und Vertrauten des Papstes, von Gläubigen oder Weltlichen, die in den Akten der Ordentlichen und apostolischen Prozesse zum Zweck der Selig- und Heiligsprechung Pius' X. zusammengefaßt und veröffentlicht worden sind, Verfahren, die an den Orten stattfanden, an denen er sein Apostolat als einfacher Priester, als Prälat und dann als Papst ausgeübt hatte, nämlich in Treviso (1923-1926 und 1944-1946), in Mantua (1924-1927 und 1945-1946), in Venedig (1924-1930 und 1944-1946) und in Rom (1923-1931 und 1943-1946). Alle diese Zeugnisse stimmen darin überein, daß Pius X. wegen der Isolierungspolitik Delcassés gegenüber Deutschland, die auf das russisch-französische Bündnis (1894) folgte, von dem Augenblick an, in dem er den Thron Petri bestieg, das Vorgefühl, und von der Balkankrise an die unablässige quälende Vorstellung hatte, daß
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dieser Krieg nahe sei. Aus diesen Zeugnissen geht ferner hervor, daß er alles tat, was in seiner Macht stand, um den Krieg zu verhindern, daß er, sobald er von dem Attentat in Sarajewo (am 18. Juni 1914) Kenntnis erhielt, seinen diplomatischen Apparat in Gang setzte und in erhöhtem Maße bei den Staatsoberhäuptern intervenierte, insbesondere beim Kaiser von Österreich, daß er dem letzteren Ende Juli 1914 ein Schreiben sandte, in dem er ihn beschwor, "das Ende seiner Regierungszeit nicht mit Blut zu beflecken", daß er dem österreichischen Botschafter, der gekommen war, um ihn von dem Ausbruch des Krieges zu unterrichten, und ihn um seinen Segen für die österreichisch-deutschen Armeen bat, entgegnete: "Ich segne den Frieden und nicht den Krieg!" und ihm, als er darauf drang, zumindest die Person seines Kaisers zu segnen, die schneidende Antwort zuteil werden ließ: "Der Kaiser möge sich glücklich schätzen, noch nicht den Fluch des Heiligen Vaters empfangen zu haben!", daß seine Mahnung an die Katholiken der ganzen Welt vom 2. August 1914 untadelig ist und daß er mit zerrissenem Herzen starb, voller Verzweiflung darüber, daß es ihm nicht gelungen war, den Lauf der Ereignisse zu unterbrechen, und dabei unablässig wiederholte: "Oh, dieser Krieg! . . . Dieser Krieg - ich fühle es, er wird mein Tod sein."
Doch er war Papst. Also muß diskutiert werden! Man hat dabei zwei Möglichkeiten: Entweder man läßt dies alles gelten, um sodann zu folgern: "Ja, aber der Grund dafür liegt nicht darin, daß er diesem Krieg feindlich gegenüberstand, sondern in seiner Sympathie für Österreich, dessen Kaiser im Jahre 1903 seine Wahl gefördert hatte, sowie in seiner Befürchtung, Österreich könne 'zerschlagen' aus diesem Krieg hervorgehen [143]." Oder man geht vor wie Nobécourt: Man gesteht ein, daß der Papst deutliche Vorahnungen hatte, die er "in erstaunlichen prophetischen Tönen in seinem engsten Kreise [144]" äußerte; man hält es für möglich, daß er ein derartiges Schreiben an den Kaiser von Österreich gesandt und den österreichischen Botschafter in dieser Weise empfangen hat.
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Allerdings beruft man sich dabei darauf, daß zwar das Schreiben wie auch der Empfang von den kirchlichen Gerichtshöfen, die über die Seligsprechung dieses Papstes entschieden, als beweiskräftig anerkannt wurden, daß jedoch für das Schreiben keinerlei Textbelege, sondern lediglich die Aussagen seines Kaplans, des Abtes Albin de Cigala [145], und seines Staatssekretärs, des Kardinals Merry del Val [146], vorliegen, daß der obenerwähnte Empfang ohne Zeugen stattfand und nur von dem Staatssekretär, dem gegenüber sich Pius X. darüber vertraulich geäußert hatte, bezeugt wurde [146]. Sodann zieht man den Schluß, es sei "beim gegenwärtigen Stand der Dinge nicht möglich, sich über die Bedeutung der Interventionen Pius' X. zu äußern [147]". Doch wenn es um die Behauptung eines Kurt Gerstein geht, deren Text man nicht einmal mehr vorzulegen wagt - wenn man es überhaupt jemals konnte! -, sowie um ihre Interpretation durch Leute wie Hochhuth oder Friedländer, dann ergeben sich keine Zweifel mehr, und man hält es auch nicht mehr für nötig, eine Möglichkeit eindeutig als eine solche zu bezeichnen. Denn diese Leute sind Protestanten oder Juden, und man kann mit ihnen schließlich nicht wie mit einem gewöhnlichen Kaplan der katholischen Kirche, einem gewöhnlichen Kardinal oder einem gewöhnlichen Papst umgehen [148]!
Beim Tode Pius' X. (20. August 1914) würdigten sämtliche Zeitungen im Lager der Alliierten - einschließlich L'Humanité, dem Organ der damaligen sozialistischen Partei Frankreichs - einmütig seine verzweifelten Bemühungen um die Rettung des Friedens. Kardinal Merry del Val berichtet [149]: "Ein Diplomat [sein Name wird nicht angegeben] äußerte sich mir gegenüber zu der tragischen Situation des durch den Krieg erschütterten Europas:
'Die letzte Klarheit', sagte er zu mir, 'und die letzte Aussicht auf Frieden sind mit Pius X. erloschen, und nur noch Finsternis ist um uns herum [150].' "
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Der Diplomat irrte sich: Der am 3. September gewählte Benedikt XV. trat mit seiner Mahnung an die Katholiken der ganzen Welt [151] vom darauffolgenden 8. September sogleich in die Fußstapfen Pius' X.: "Das entsetzliche Schauspiel des Krieges, in dem ein so großer Teil Europas, von Feuer und Schwert verwüstet, von christlichem Blut getränkt ist, hat Uns mit unaussprechlichem Entsetzen und ebensolcher Angst erfüllt . . . Wir haben den festen Entschluß gefaßt, nichts außer acht zu lassen, was in Unserer Macht steht, um das Ende eines so großen Unheils herbeizuführen . . . Wir bitten und beschwören diejenigen, die die Geschicke der Völker lenken, inständig, zum Heil der menschlichen Gesellschaft ihren Sinn auf die Beilegung ihrer Streitigkeiten zu richten . . . Es ist genug der Zerstörungen, es ist genug Blut geflossen!"
Er ließ tatsächlich nichts außer acht: Seine erste Weihnachtsbotschaft am 24. Dezember desselben Jahres schlug den Staatsoberhäuptern einen Waffenstillstand während des Weihnachtsfestes vor. Man hörte nicht auf ihn. Dennoch wartete er weiterhin unaufhörlich auf die Gelegenheit, die internationalen Beziehungen wiederherzustellen. Nach dem Tode (21. November 1916) des alten Kaisers Franz Joseph ergab sich diese Gelegenheit am 1. August 1917, nach einer Zeit von acht Monaten also, die er dazu benutzte, die Verbindung zwischen dem neuen Kaiser (dem Neffen des vorhergehenden, er war als Karl IV. König von Ungarn und folgte als Karl I. dem verstorbenen Franz Joseph auf den Thron der Doppelmonarchie) und dessen Schwager, dem Prinzen Sixtus von Parma, der sich auf der Seite der Alliierten befand, herzustellen. Briand und Caillaux sollen sich seinen Bemühungen angeschlossen haben, um eine Unterredung des Prinzen Sixtus von Parma mit der französischen Regierung herbeizuführen. Im März 1917 hatte der neue Kaiser von Österreich ein Friedensangebot gemacht. Benedikt XV. nahm diesen guten Willen zur Kenntnis. Als er außerdem erfuhr, daß der Nuntius in München, Pacelli, der spätere Pius XII., im Juli im Verlauf einer Unterredung mit Wil-
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helm II. von diesem die Zusicherung erhalten hatte, er sei zu einem Kompromißfrieden bereit, hielt der Papst trotz des Kriegseintritts der Vereinigten Staaten am vorhergegangenen 6. April die Umstände für einen Vermittlungsversuch für günstig. Seine Mahnung zum Frieden an die Führer der kriegführenden Nationen vom 1. August 1917 ist in zweifacher Hinsicht verdienstvoll: So wird hier zum ersten Mal in der Geschichte des Papsttums die Aufgabe des Stellvertreters Christi in Kriegszeiten in klaren und bestimmten Worten festgelegt und ferner ein Friedensplan vorgeschlagen, der, von dem Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Völker abgesehen, nichts anderes ist als das berühmte 14-Punkte-Programm des Präsidenten Wilson.
Im folgenden sehen wir, wie er seine apostolische Mission auffaßte: "Wir haben Uns vor allem drei Aufgaben gestellt: Gegenüber allen Kriegführenden eine vollkommene Unparteilichkeit zu wahren, wie es sich für den gemeinsamen Vater aller Menschen, der alle seine Kinder in gleicher Weise liebt, geziemt; sodann, Uns fortwährend zu bemühen, allen soviel Gutes zu tun wie nur möglich, und zwar ohne Ansehen der Person, der Nationalität oder der Religion, wie es Uns durch das universale Gesetz der Nächstenliebe wie auch durch das Uns von Christus anvertraute höchste geistliche Amt vorgeschrieben ist; und schließlich, wie es Unsere friedenstiftende Mission ebenfalls verlangt, nichts zu unterlassen, soweit es in Unserer Macht liegt, was dazu beitragen könnte, das Ende dieses Unheils herbeizuführen, und zwar indem Wir versuchen, die Völker und ihre Führer zu maßvolleren Entschlüssen und zu Friedensberatungen in einer ruhigen Atmosphäre mit dem Ziel eines gerechten und dauerhaften Friedens zu bringen [152]."
Dies ist genau die Haltung, die Pius XII. während des Zweiten Weltkrieges einnahm und die ihm einbrachte, derselben Frevel beschuldigt zu werden: "Ein Papst der Deutschen", sagte Clemenceau bekanntlich [153], "schweigsam wie Pius XII.", überbot ihn Nobécourt [154], und Pierre Dominique fügte hinzu [155]: ein Papst, "der
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fürchtete, daß das katholische Österreich-Ungarn vernichtet werden und (auf seinen Trümmern) eine Reihe von Kleinstaaten (entstehen könnte), unter denen Böhmen ein von den Freimaurern beherrschter Staat sein und das katholische Kroatien von den orthodoxen Serben regiert werden würde . . . ", und der von der Vorstellung gepeinigt wurde, "daß die Russen siegen könnten, was einen ungeheuren Prestigegewinn für die Orthodoxie bedeuten würde", u. a. m. Alles Interpretationen, zu deren Untermauerung man keine anderen Beweise anführen kann als die im eigenen Lager zur Zeit herrschende Stimmung, die Annahme, den Hintergedanken oder die Mutmaßung - Interpretationen, die sämtlich zu beweisen trachten, daß die Stellungnahmen Benedikts XV. nicht aus Liebe zum Frieden erfolgten, sondern aus einer ungewöhnlichen Zuneigung zu dem anderen Lager und aus niederer Berechnung. Wenn man es so nimmt, kann man über jeden beliebigen Menschen jede beliebige Äußerung von sich geben und den edelmütigsten Menschen im schwärzesten Licht darstellen. Man kann dann zum Beispiel behaupten, daß Jacques Nobécourt und Pierre Dominique nur von der Absicht geleitet seien, ganz Europa dem Bolschewismus auszuliefern, und daß ihre Stellungnahmen gegen diese Doktrin lediglich ein leeres Geschwätz seien, mit dem ihr Spiel getarnt werden soll. Und wenn man den progressistischen Charakter - im abwertenden Sinne des Wortes - der gesamten Schriften des ersteren oder die Tatsache geltend macht, daß der zweite trotz voller Kenntnis der Auswirkungen des letzten Krieges, deren handgreiflichstes Beispiel darin besteht, daß die Grenze Rußlands bis auf fünfzig Kilometer an Hamburg heranverlagert wurde, die Bemühungen Pius' XII, um eine internationale Konferenz, die den Zweiten Weltkrieg hätte verhindern können, noch mit der Bemerkung kommentiert: "Glücklicherweise nimmt man ihn nicht beim Wort [156]", wäre es wohl nicht schwer, dieser These Glauben zu verschaffen. Kurz, die Argumente der Gegner Pius' X., Benedikts XV. und Pius' XII. sind nichts anderes als auf bloßen Vermutungen beruhende Wertungen und können nur als böswillige Absicht angesehen werden.
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Mit ebenso dürftigen Argumenten wurde auch der Vermittlungsversuch Benedikts XV. vom 1. August 1917 torpediert. Dies hatte zur Folge, daß der Erste Weltkrieg fünfzehn Monate länger dauerte und die Schäden sowie die Anzahl der Kriegsopfer ihre bekannten Ausmaße erreichten, und zwar ohne jeden Gewinn, da der Krieg ohnehin im Versailler Vertrag endete. Was sage ich, ohne Gewinn? Um welchen Preis!
Oh, dieser Versailler Vertrag! Als man erfuhr, daß Benedikt XV. den Bestimmungen dieses Vertrages, die er für ungerecht und voll von Gründen für einen neuen Krieg hielt, nicht zustimmte, fand darin der Feldzug gegen seinen Pazifismus neue Nahrung: Man sah darin eine Bestätigung seiner Freundschaft für Deutschland, das durch den Vertrag zu Boden geworfen, und für Österreich, das durch ihn zerschlagen wurde, und fügte dem noch hinzu, er habe ein Ressentiment gehegt, weil er von der Friedenskonferenz anläßlich der Verhandlungen des Jahres 1915, die über den Kriegseintritt Italiens entschieden, aus Prinzip ferngehalten worden war. Man hütete sich wohl, zu bemerken, daß die Vereinigten Staaten dem Versailler Vertrag aus den gleichen Gründen wie Benedikt XV. ihre Zustimmung versagten.
Pius XI. und Pius XII. machten sich in diesem Punkt die Politik Benedikts XV. zu eigen. Unter den beiden letztgenannten Pontifikaten präzisierte und festigte sich die Einstellung des Heiligen Stuhls zugunsten internationaler Verhandlungen noch, sowohl aus einer gewissen Systematik heraus als auch um die Anwendung von Waffengewalt zu vermeiden. Der Friede war seit Pius X. in der Politik des Vatikans ein feststehender Faktor geworden und die Notwendigkeit der Revision des Versailler Vertrages demzufolge eine weitere Konstante. Als erster Politiker ahnte Briand, welcher Prestigezuwachs daraus für die Kirche resultieren und welche Kraft sie dann auf dem Wege zu den Vereinigten Staaten von Europa darstellen würde. Obwohl ursprünglich Urheber des Gesetzes der Trennung von Kirche und Staat, wurde er später gegen Clemenceau zum Verfechter der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit dem Vatikan [157]. Pius XI. fügte der Ursache für diesen Prestigezuwachs noch zwei weitere hinzu: die Missionen für die Verbreitung des Glaubens in den Kolonien und die Normali-
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sierung der Beziehungen zwischen der Kirche und den Staaten, bei denen der Grundsatz der Trennung gemäß der Formel des italienischen Garantiegesetzes "eine freie Kirche in einem freien Staat" galt. Diese Normalisierung erfolgte auf dem Wege einer allgemeinen Durchführung der Konkordatspolitik, deren Begründung und rechtliche Formulierung das Verdienst Pius' XII., des damaligen Kardinals Pacelli, war. Die Unterzeichnung des italienischen Konkordats im Jahre 1929, die nach der Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Frankreich stattfand, erregte weltweites Aufsehen. Man versäumte nicht, darauf hinzuweisen, daß das Papsttum, das sich mit dem aus dem Risorgimento hervorgegangenen Regime nicht hatte verständigen können, dies mit dem Mussolinis sehr wohl konnte, da es in ihm nun endlich in Italien eine Regierungsform besaß, die ihm zusagte. Daraus folgerte man, daß das Papsttum faschistisch wäre. Bei dem mit Hitler abgeschlossenen deutschen Konkordat war es noch schlimmer: Da das Papsttum faschistisch war, war es selbstverständlich auch nazistisch. Kein Mensch bemerkte indessen, daß diejenigen, die ihm zum Zeitpunkt der Unterzeichnung des deutschen Konkordats die heftigsten Vorwürfe deswegen machten, gleichzeitig die leidenschaftlichsten Anhänger - um ihnen einmal ein Kompliment zu machen - des Viererpaktes waren, den die demokratischen Regierungen Englands und Frankreichs (im Juni 1933) mit Deutschland, obwohl es nazistisch, und Italien, obwohl es faschistisch war, unterzeichneten.
Als die Gegner der Kirche später angesichts der Enzyklika Mit brennender Sorge, die, obwohl im Namen des Glaubens verkündet, eine klare, bestimmte und konzessionslose Verurteilung des Natio-
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nalsozialismus darstellte, dann doch zugeben mußten, daß sie nicht nazistisch war, war ihre erste Reaktion: Aber warum kündigt der Papst dann nicht das Konkordat auf? Und sie erinnerten sogleich an sämtliche Verbrechen des Nationalsozialismus gegen die Unverletzlichkeit der menschlichen Person, die in ihren Augen eine Kündigung des Konkordats mehr als genug rechtfertigten. Das hieß aber das Wesen der "allumfassenden Vaterschaft" für die große Menschenfamilie vergessen, die nach der Glaubenslehre die Hauptaufgabe des Stellvertreters Christi darstellt und die nur dem Verhältnis vergleichbar ist, das der Vater in einer leiblichen Familie zu allen seinen Kindern hat. In der leiblichen Familie jedoch schleudert der Vater nicht den Bannfluch gegen Ham und gibt dasjenige seiner Kinder, das vom rechten Weg abkommt, nicht der Ächtung durch seine anderen Kinder preis, ganz gleich, ob dieses Kind zum Verbrecher oder gar zum Mörder wird: Er bleibt der Vater, verurteilt in väterlicher Weise und trachtet das Kind auf den rechten Weg zurückzubringen; wenn ihm das nicht gelingt, betrauert er den Tag, an dem der zum Dieb oder Mörder gewordene Sohn, der aber deswegen trotzdem sein Sohn bleibt, das Gefängnistor durchschreitet oder auf das Schafott steigt. Die Aufgabe des Vaters besteht nicht darin, den Sohn der Rache der Familie oder der gerichtlichen Verfolgung auszusetzen, sondern in jeder Situation ihm zu helfen sich wieder zurechtzufinden. Das gleiche gilt für das Verhältnis des Papstes, des Heiligen Vaters!, zu den Völkern, die alle, und zwar mit gleichem Recht, seine Kinder sind. Man sollte froh sein und nicht darüber klagen, daß die Gebote des Glaubens in so hervorragender Weise mit denen der Vernunft übereinstimmen: Das gibt es nicht alle Tage!
Resümierend kann man sagen, daß diese Politik der "allumfassenden Vaterschaft" für alle Nationen, die man der Initiative Pius' X., Benedikts XV., Pius' XI, und Pius' XII. verdankt, harmonisch diejenige Leos XIII. fortsetzt, die man ebenfalls eine Politik der "allumfassenden Vaterschaft" nennen könnte, nämlich für die sozialen Klassen, und zwar für alle. Diese beiden einander ergänzenden Arten der Politik führten gemeinsam dazu, daß die Kirche jetzt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den Augen der öffentlichen Meinung als der sicherste und mächtigste
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Faktor des sozialen wie auch des universalen Friedens erscheint.
Für den universalen Frieden wurde dies sogar von Léon Blum, den man nicht der Willfährigkeit der Kirche gegenüber bezichtigen kann, anerkannt. In seinem in den Jahren 1940/41 im Gefängnis geschriebenen, doch erst 1945 veröffentlichten Buch A l'Échelle humaine [158] ging er so weit, zu wünschen, man solle dem Heiligen Stuhl im Gegensatz zu den 1915 für die Friedenskonferenz gefaßten Beschlüssen - Benedikt XV. wurde damals von ihr ausgeschlossen - einen Platz in den internationalen Organisationen einräumen, die mit der Schaffung einer neuen Friedensordnung beauftragt werden würden. Er begründete diesen Standpunkt mit der folgenden Würdigung:
"Diese Rolle würde einer Kirche gewiß willkommen sein, welche von Grund auf friedliebend ist, da sie eine Religion des Friedens verkörpert, und welche es auch sozusagen durch ihre Funktion ist, da ihre Verfassung auf internationalem Boden steht. Der päpstliche Einfluß war immer und ist noch heute im Sinne eines organischen, auf Gerechtigkeit, Gleichberechtigung der Völker und der Menschen, auf Heiligkeit der Verträge beruhenden Friedens wirksam [159]."
Und was den sozialen Frieden angeht, traf das Volk mit gesundem Menschenverstand die Entscheidung zwischen dem Marxismus und der Enzyklika Rerum novarum. Gewiß nicht in seinem Vokabular, aber in seinem Handeln, wozu die erstaunlichen Fortschritte der Technik, die den Lebensstandard der Arbeiterschaft seit Beginn des 20. Jahrhunderts so beträchtlich erhöhten, viel beigetragen haben. Dieser Entwicklung war die Enzyklika auf jeden Fall weitaus besser angepaßt als das Kommunistische Manifest, wenn nicht in ihren Prämissen, so doch wenigstens in ihren Schlußfolgerungen. So stellt der Klassenkampf, das Thema des letzteren, verglichen mit der Zusammenarbeit der Klassen, der Schlußfolgerung der ersteren, nur einen Mythus dar, der an Glaubwürdigkeit verliert, während der Gedanke der Zusammenarbeit unablässig an Boden gewinnt.
Zu diesem geistigen Aufstieg der Kirche und dem steten Wach-
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sen ihres Einflusses im sozialen und internationalen Leben seit dem Jahre 1870 haben in erheblichem Maße auch die Argumente beigetragen, die die Rationalisten auf dem eigentlichen Gebiet des Glaubens gegen sie ins Feld führten: Die Päpstin Johanna, die Borgias, Galilei, die Jungfrau von Orléans, die von der Kirche erst verbrannt und dann heiliggesprochen wurde, die Albigenser, die Bartholomäusnacht, der Heilige Ignatius von Loyola, Torquemada, Gott und Christus, die niemals existiert haben, der Vatikan, Hauptstadt der systematischen Massenverdummung, Väterchen Combes, Charles Guignebert [159a] und Prosper Alfaric [159b], die Liebschaft des Herrn Pfarrer mit seiner Haushälterin, die Schwarzröcke mit dem Galgenvogelgesicht, dem dicken Bauch und der Mitra des ehrwürdigen Vaters einer anderen Kirche, des verstorbenen kochgeschätzten Bruders F .. M .. Lorulot [159c], der Pfarrer von Uruffe [159d] usw. - alles uralte Kamellen! Der Stellvertreter, den man ihnen soeben beigesellt hat, ist von der gleichen Machart und Herkunft. Offenbar ist die Nachricht noch nicht zu den Rationalisten von heute durchgedrungen, daß die Kirche, die sie mit diesen alten Argumenten so schonungslos bekämpfen, seit dem 20. September 1870 tot ist, daß sie nicht mehr die Kirche aus Großvaters Zeiten ist, daß sie mit Ururgroßvaters Argumenten nur einen schon seit langem verwesten Leichnam bekämpfen und daß die wahre Kirche, die von diesen einfältigen Reden gar nicht getroffen wird, sehr lebendig ist und vor ihrer Nase blüht, wächst und gedeiht.
Aus diesem Grunde ist der 20. September 1870 nicht nur eine
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Scheidelinie zwischen zwei Kirchen, sondern natürlich auch eine solche zwischen zwei Epochen: nämlich dem gut zehn Jahrhunderte umfassenden Zeitraum vor diesem Datum, in dem der Glaube unaufhörlich vor der Vernunft auf dem Rückzug war und die weltliche Macht der Kirche allmählich bis zum Nichts reduziert wurde, und dem weniger als ein Jahrhundert umfassenden Zeitraum, indem der Glaube unaufhörlich gegenüber der durch die Rationalisten lächerlich gemachten Vernunft wieder an Boden gewann und die Kirche in schwerem Kampf einen moralischen Einfluß erlangte, wie sie ihn niemals vorher besessen hatte. Sicherlich wird dieser Einfluß sich, wenn sie diesen Schwung beibehält, eines Tages - vielleicht schon früher, als man denkt - in einer weltlichen Macht ausdrücken, die zwar indirekt, aber weitaus wirksamer und größer sein dürfte als die, die sie einstmals besessen hat.
Wenden wir uns nun der Frage zu, wie wir Pius XII. vor und im Zweiten Weltkrieg den Tatsachen entsprechend einzuordnen haben.
Eugenio (Maria Guiseppe Giovanni) Pacelli entstammte einer ebenso guten wie überaus frommen bürgerlichen Familie aus der Toskana. Einer seiner Vorfahren, Advokat an der Rota, gründete 1851 den Osservatore Romano und wurde unter Pius IX. stellvertretender Innenminister des Kirchenstaates. Sein Vater war Terziar des Franziskanerordens und Dekan der päpstlichen Konsistorialadvokaten. Seine Herkunft hatte dem jungen Eugenio Pacelli also bereits alle Voraussetzungen in die Wiege gelegt, daß er sich zu einer geistlichen Laufbahn hingezogen fühlen würde. Seine hervorragende Intelligenz, seine umfassende Bildung, das Milieu seiner Familie sowie auch ein angeborener politischer Instinkt taten das übrige: Im Jahre 1901, unter Leo XIII., tritt er im Alter von 25 Jahren [160] - zwar einfacher Priester, aber Doktor der Theologie,
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des Zivilrechts, des kanonischen Rechts und des Konkordatsrechts - als Anwärter in die diplomatische Abteilung des Staatssekretariats des Vatikans ein. Im Jahre 1904 wird er Geheimkämmerer Pius' X., 1905 Prälat und Präfekt der Kongregation von Sankt Ivo, sodann Untersekretär der Kongregation für außerordentliche kirchliche Angelegenheiten (1911) und 1914 Sekretär derselben. Am 24. Juni 1914 schließt er das Konkordat zwischen dem Heiligen Stuhl und Serbien ab. Dies ist sein erster Erfolg. Am 20. April 1917 ernennt Benedikt XV. ihn zum Nuntius in München, wo er, nunmehr im Zentrum der Bemühungen um die Wiederherstellung des Friedens, die Anstrengungen des Papstes in geschickter Weise unterstützt. Nach dem Versailler Vertrag ernennt ihn Benedikt XV. zum Nuntius in Berlin (22. Juni 1920). Da er jedoch in München noch durch Angelegenheiten zurückgehalten wird, die seine Anwesenheit erfordern, insbesondere durch die Vorbereitung eines Konkordats mit der neuen bayerischen Regierung, tritt er diesen Posten erst am 1. August 1925 an, nachdem das besagte Konkordat am 24. März 1924 unterzeichnet worden war. In Berlin gilt seine erste Bemühung dem Abschluß eines Konkordats mit Preußen, das am 13. August 1929 zur Unterzeichnung gelangt. Sein Ziel ist es, nach und nach zu einem allgemeinen Konkordat mit dem Nachkriegsdeutschland zu gelangen. Leider ist, als die politische Stimmung für ein solches Vorhaben günstig geworden war, dann Hitler an der Macht und Pacelli auch nicht mehr Nuntius in Berlin, sondern Staatssekretär im Vatikan. Pius XI. hatte ihn dorthin berufen (12. Dezember 1929), weil er seine geistigen Fähigkeiten und Kenntnisse für die Ausarbeitung des italienischen Konkordats (1929) benötigte, und mit Freude die Verdienste Pacellis an dem Abschluß desselben festgestellt. Daraufhin hatte er ihn zunächst zum Kardinal (16. Dezember 1930) und sodann zum Staatssekretär ernannt (7. Februar 1931). Von dieser Stellung aus tat Pacelli noch einen weiteren Schritt in Richtung auf das angestrebte allgemeine deutsche Konkordat, indem er nämlich eines mit Baden zum Abschluß brachte (12. Oktober 1932). Die Ironie des Schicksals wollte es, daß, nachdem seine Bemühungen um dieses allgemeine deutsche Konkordat unter der Weimarer Republik vergeblich gewesen waren, Hitler selbst die Initiative dazu ergriff. Und dies war
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der erste Nagel zu seiner Kreuzigung. Der zweite war die Aufrechterhaltung dieses Konkordats: Als es Pius XI. trotz aller Verletzungen durch die Regierung des Dritten Reiches nicht aufgekündigt hatte, legte man dies seinem Staatssekretär zur Last, und das noch um so mehr, als man sah, daß dieser Staatssekretär, nachdem er am 2. März 1939 (an seinem 63. Geburtstag) Papst Pius XII. geworden war, es ebensowenig kündigte. Da der Leser den Grund bereits kennt [161], brauchen wir hierauf nicht noch einmal einzugehen.
Als Staatssekretär von Pius XI. verfolgte Kardinal Pacelli in vollem Einverständnis mit dem Papst die Politik, mit möglichst vielen Staaten diplomatische Beziehungen aufzunehmen, die bestehenden Beziehungen zu festigen, die älteren Konkordate einer Revision zu unterziehen und neue abzuschließen. Als sein Verdienst sei an dieser Stelle noch das österreichische Konkordat (5. Juni 1933) erwähnt, ferner seine Bemühungen bei den baltischen Staaten und sein allerdings vergeblicher Versuch, die 1870 (infolge der Einnahme Roms) abgebrochenen diplomatischen Beziehungen mit Amerika wiederherzustellen.
Es muß bezweifelt werden, daß das Konklave, das ihn auf den Thron Petri erhob, am 2. März 1939 bei der damaligen Lage der Dinge eine bessere Wahl hätte treffen können. Zu seinem geistigen Format und seinem angeborenem Sinn für das Politische kommt noch hinzu, daß er unter vier Päpsten, und zwar ausnahmslos großen Päpsten, in Schlüsselstellungen, in denen er sich unaufhörlich auszeichnete, eine lange Lehre von achtunddreißig Jahren durchlaufen hatte, wodurch er von allen Anwärtern auf den päpstlichen Stuhl höchstwahrscheinlich für dieses Amt am besten vorbereitet war. Und dann nahte mit großen Schritten der Krieg. Kaum gewählt, mußte er sich mit ihm, wie Pius X. und Benedikt XV., unter denen er gedient, die ihn geformt hatten und die daher für ihn beispielgebend sein mußten, auseinandersetzen.
Sicherlich kann ein überzeugter Pazifist die Anschauung Pius' XII. über Krieg und Frieden nicht vorbehaltlos hinnehmen: Er unterschied zwischen einem gerechten und ungerechten Krieg,
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zwischen einem Angriffs- und einem Verteidigungskrieg und beim Angriffskrieg sogar zwischen einem erlaubten Angriff und einem, dem er zuweilen das Adjektiv "ungerecht [162]" beifügte, was bedeutete, daß es seiner Vorstellung nach auch "gerechte Angriffe" gab. Er war noch nicht zu jener Auffassung gelangt, daß es weder einen gerechten Angriffs- noch einen gerechten Verteidigungskrieg, ja überhaupt weder einen gerechten noch einen ungerechten Krieg gibt - daß vielmehr alle Kriege ungerecht sind. Aber so anfechtbar seine Anschauung auch sein mag, so hatte sie ihn doch zu der Überzeugung gebracht, daß alle Kriege durch eine Neuordnung der Völkergemeinschaft zu vermeiden sind, zu der man auf dem Wege internationaler Konferenzen sehr leicht gelangen kann, sofern man Sinn für Gerechtigkeit hat. Es ist beachtlich und anerkennenswert, daß ein Papst eine derartige Ansicht vertrat.
Man könnte, glaube ich, über ihn kein besseres Urteil fällen als dieses:
"Noch niemals hat meines Wissens ein Papst mit soviel Entschiedenheit die Rechtseinheit der Völkergemeinschaft [163] und die unumschränkte Geltung des internationalen Rechts bejaht und mit soviel Nachdruck die Auffassung von der absoluten Souveränität des Staates, die diese Einheit zerbreche, verurteilt. Nach niemals hat meines Wissens ein Papst als logische Folge dieser Grundsätze die Schaffung internationaler Institutionen gefordert, die über die gerechte Anwendung der internationalen Abkommen wachen und zugleich, wenn das Bedürfnis dazu entsteht, ihre gerechte Revision ermöglichen sollten. Noch niemals hat ein Papst die gerechte Verteilung der wirtschaftlichen Reichtümer der Erde und den Schutz der kulturellen Rechte der Minderheiten als wesentliche Aufgaben dieser internationalen Institutionen bezeichnet, noch ein Papst so nachdrücklich und so häufig zu einem wahren Kreuzzug für eine
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solche Neuordnung, die Voraussetzung zu einem dauerhaften Frieden, aufgerufen und deswegen an alle Christen und an alle Menschen guten Willens überall in der Welt appelliert; vor allem hat meines Wissens noch niemals ein Papst alle diese Erkenntnisse so erschöpfend dargelegt [164]."
Es ist wahr: kein einziger Papst - auch Pius X. und Benedikt XV. nicht. Diese beiden schlugen zwar als erste jenen Weg ein, waren aber nichts anderes als Vorläufer, deren Vorstellungen erst durch ihren Nachfolger endgültig formuliert und präzisiert wurden.
In der internationalen Politik ist auch der Sozialismus nicht weitergegangen, und 1939, in den entscheidenden Stunden, wie auch 1945, als es galt, die sozialistische Theorie in die Praxis umzusetzen, blieb er weit hinter derselben zurück. Ganz anders dagegen Pius XII.
So sagte zum Beispiel am 7. Februar 1932 Msgr. Faulhaber, der Erzbischof von München, in einer Ansprache in der dortigen St. Bonifaz-Kirche folgendes:
"Die Vorbedingungen für einen erlaubten Krieg sind viel seltener als früher gegeben . . .
Man wird den Prediger des Friedens . . . fragen: Was sagst du dazu, daß das Deutsche Reich abgerüstet und wehrlos ist, während die anderen Völker um die Wette rüsten? Antwort: Nach dem Natur- und Völkerrecht haben die Völker gleiches Recht, hat also auch das Deutsche Reich das Recht, gegen einen blutigen Überfall gesichert zu sein. Die Rechtsgleichheit unter den Völkern wird aber nicht dadurch erreicht, daß die deutsche abgerüstete Wehrkraft aufgerüstet und in den Wettstreit immer neuer Rüstungen hineingezogen wird, sondern dadurch, daß die aufgerüsteten und übergerüsteten Völker abgerüstet werden. Das alte Sprichwort: 'Wenn du den Frieden willst, rüste den Krieg', muß wie ein altes Kriegsboot abgetakelt werden. Die endlosen Rüstungen während des Friedens sind kein Schutz vor dem Krieg, keine Sicherung des Friedens. Das Rüsten um die Wette gibt die ständige Bereitschaft zum Kriege, und
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von der Bereitschaft ist der Weg nicht weit zum wirklichen Losschlagen . . . Wenn du den Frieden willst, rüste den Frieden [165]."
Diese Gedanken beruhen auf einem der edelsten Grundsätze des praktischen Sozialismus, und man findet sie nahezu Wort für Wort in der Sammlung der Reden Pius' XII. wieder, die er noch als Msgr. Pacelli in der Zeit seiner Nuntiatur in München und Berlin gehalten hat und die durch den deutschen Episkopat im Jahre 1930 herausgegeben wurden.
"Wenn du den Frieden willst, rüste den Frieden": während des Friedens selbstverständlich, aber auch während des Krieges. Dies war die Richtschnur für das Verhalten Pius' XII. Wenn man jemanden tadeln muß, dann nicht ihn, weil er diesem Prinzip unerschütterlich treu geblieben ist, sondern die Sozialisten, weil sie es vor dem und im Zweiten Weltkrieg aufgegeben haben, obgleich es in den Jahren von 1919 bis 1933 Grundlage ihres außenpolitischen Programms gewesen war. Pius XII. wurde der Jaurès des Zweiten Weltkrieges und während des Krieges zu dem, was die Kienthaler und Zimmerwalder im Ersten Weltkrieg gewesen waren, und zwar wurde er es im Namen der Gebote des Glaubens, während Jaurès, die Kienthaler und die Zimmerwalder nur von denen der Vernunft geleitet waren. Das ist jedoch belanglos, denn er gelangte schließlich zu den gleichen vernunftgemäßen Schlußfolgerungen. Dagegen fällt auf, daß, wenn man diese vernunftgemäßen Schlußfolgerungen bekämpft, man nichts anderes tut, als einem Glauben, der - endlich! - vernünftig zu denken beginnt, eine Vernunft entgegensetzen, die nur noch unvernünftig urteilt. Und das ist zweifellos der Fall bei Hochhuths Stellvertreter, Nobécourts Vicaire et l'Histoire und Friedländers Pius XII. und das Dritte Reich. Im Namen eines anderen Glaubens übrigens, denn die unvernünftig urteilende Vernunft ist nichts anderes als ein weiterer Glaube: der protestantische Glaube beim ersten, der marxistisch-progressistische beim zweiten und der jüdische beim dritten - Glaubensrichtungen, die alle drei täglich mehr und mehr dem Obskurantismus verfallen. Moskau, Tel Aviv und Hochhuth mit seinem Stellvertreter liefern hierfür täglich den Beweis - das ist
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das Schicksal aller vorgefaßten Meinungen. Die Kirche erbrachte dagegen von 1870 an täglich den Beweis dafür, daß sie mehr und mehr ans Licht emportauchte - auf sozialem Gebiet mit Leo XIII., auf dem Gebiet von Krieg und Frieden mit Pius X., Benedikt XV., Pius XI. und Pius XII., in beiden Bereichen sodann mit Johannes XXIII. und heute mit Paul VI. -, wobei sie sich von ihren archaischen Vorurteilen löste, sich hütete, in neue zu verfallen und ihre Stellungnahmen, soweit sie Folgen in der Welt haben könnten, auf Beobachtung und Analyse gründete.
Doch man macht Pius XII. nur sein Verhalten während des Zweiten Weltkrieges zum Vorwurf. Um es richtig zu verstehen, war es notwendig, es mit demjenigen seiner Amtsvorgänger zu vergleichen und seine Persönlichkeit in diesen geschichtlichen Zusammenhang einzuordnen. Da wir nun zu den Ereignissen kommen, muß noch gesagt werden, wie sich Pius XII. in den kritischen Stunden, die über den Krieg entschieden, verhielt.
Da sind zunächst drei Tatsachen, die bereits in den ersten Wochen seines Pontifikats zeigten, wie sehr er sich der Gefahr bewußt war, und die zugleich seine Absichten darlegten:
1. Am Tage seiner Krönung erklärte er in seiner Erwiderung
auf die ihm durch den Kardinaldekan Msgr. Pignatelli di Belmonte
entbotenen Glückwünsche des Kardinalskollegiums, daß
er "das Steuer des Schiffes Petri ergreife, um dieses inmitten
so vieler Wogen und Stürme in den Hafen des Friedens zu lenken
[166]".
2. Seine erste Homilie, Quoniam Paschalia (April 1939),
zeigte ihn "mit Besorgnis erfüllt angesichts der Gefahren,
denen Europa durch Arbeitslosigkeit, Not und mangelnde Treue gegenüber
eingegangenen Verpflichtungen sowie durch die in gewissen Ländern
herrschende Mißachtung der unabdingbaren Rechte der Menschenwürde
und der Freiheit ausgesetzt ist [167]".
Italien war gerade in Albanien eingefallen.
3. Aus einem Schreiben an Msgr. Maglione (20. April 1939) geht
hervor, daß er diesen, den er zu seinem Staatssekretär
gemacht
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hatte (10. März), ersuchte, "in sämtlichen Gemeinden sämtlicher Diözesen während des Monats Mai zu einem Kreuzzug des Gebets aufzurufen, um überall und für alle Menschen Eintracht und Frieden zu erlangen [168]". In der Zwischenzeit nämlich hatte sich zweierlei ereignet: Erstens war das deutsche Protektorat Böhmen und Mähren errichtet worden, das sogleich von den deutschen Truppen besetzt wurde (15. März 1939), und die Slowakei zu einem selbständigen Staat erhoben worden, was gleichbedeutend war mit der Zerschlagung der Tschechoslowakei. Zweitens hatte am 31. desselben Monats England Polen die bedingungslose Garantie seiner territorialen Integrität gemäß den Abmachungen des Versailler Vertrages gegeben. Das zweite Ereignis erschien Pius XII. sogleich als der erste Schritt einer unaufhaltsamen Entwicklung zum Kriege, und er beschloß daher eine diplomatische Offensive, von der an späterer Stelle die Rede sein wird. Die Gebete, zu denen in "sämtlichen Gemeinden sämtlicher Diözesen" aufgerufen wurde, sollten diese Offensive stützen.
Hinsichtlich des ersten Ereignisses wurde Pius XII. der Vorwurf gemacht, gegen diese, wie man sagt, Verletzung des Münchner Abkommens nicht protestiert zu haben, und man verglich dieses Verhalten mit dem Pius' XI. bei dem Anschluß Österreichs. Pius XI. hatte seinerzeit zwar ebensowenig gegen die Annexion Österreichs durch das Dritte Reich protestiert, aber vom Erzbischof in Wien, Kardinal Innitzer, der anläßlich der Volksabstimmung Bischöfe und Priesterschaft ersucht hatte, für das Fait accompli stimmen zu lassen, eine Klarstellung gefordert, die einem Widerruf glich und die im Osservatore Romano in der Ausgabe vom 6. April 1938 veröffentlicht wurde.
Zunächst einmal kann man die beiden Ereignisse überhaupt nicht miteinander vergleichen: Der Anschluß Österreichs war lediglich im formellen Recht ein Gewaltstreich. Seit 1919 forderten die Österreicher nahezu einstimmig die Angliederung an das Deutsche Reich (Beschluß der Nationalversammlung vom 4. März 1919 unter dem sozialistischen Kanzler Karl Renner, von der Weimarer Verfassung in Artikel 61 bestätigt, usw.). Der Artikel 88 der Völ-
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kerbundsakte stand jedoch dem Willen der beiden Völker entgegen. Von Salzburg bis Wien wurde Hitler ein triumphaler Einzug bereitet.
Die Zerschlagung der Tschechoslowakei erscheint im Hinblick auf eine Vertragsverletzung, insbesondere die Verletzung des Münchner Abkommens, in einem gänzlich anderen Licht. Das Münchner Abkommen hatte drei Dinge vorgesehen: den Anschluß der Sudeten an das Reich, die Errichtung eines selbständigen Staates Böhmen und Mähren, wobei die Slowakei ebenfalls selbständig werden, die beiden Staaten jedoch unter Beibehaltung des Namens Tschechoslowakei zu einem Bundesstaat vereinigt werden sollten, und schließlich noch die Garantie der territorialen Integrität, die Deutschland diesem Bundesstaat geben würde, "sobald Prag (die Hauptstadt dieses Staates) mit Warschau und Budapest die Frage der polnischen und ungarischen Minderheiten geregelt haben würde [169]".
In dem neuen Bundesstaat stellten sich nun jedoch die Tschechen, die die Mehrheit bildeten, einerseits den Polen und den Ungarn gegenüber taub, andererseits machten sie den Slowaken, die als autonom anzuerkennen sie sich weigerten, das Leben äußerst schwer. Doch es soll lieber André FranÁois-Poncet, der nicht der geringsten Sympathie gegenüber dem nazistischen Deutschland geziehen werden kann, überlassen werden darzulegen, wie und durch wen das Münchner Abkommen verletzt wurde: "Innerhalb des tschechoslowakischen Staates hatten die von Msgr. Tiso geführten Slowaken die Autonomie erhalten. Aber die Tschechen weigerten sich, das Land als selbständigen Bundesstaat anzuerkennen. Prag forderte die Absetzung der slowakischen Minister [170] wegen ihrer separatistischen Politik. Hitler ergriff, um seine Absichten zu verwirklichen, für die Slowaken Partei [171]. Am 13. März 1939 eilte Monsignore Tiso [172] nach Berlin und rief den Schutz [173] des Führers an [174]".
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Zunächst haben also die Tschechen das Münchner Abkommen verletzt [175], und Hitler intervenierte lediglich auf Verlangen der Opfer dieser Verletzung. Ganz genauso wie zum Beispiel kürzlich die Belgier und Amerikaner im Kongo intervenierten, um im Auftrag der ohnmächtigen Regierung gegen Rebellen einzuschreiten, die dabei waren, unschuldige Menschen niederzumetzeln. Und ganz genauso wie in zahlreichen gleichgearteten Fällen die Engländer, die Franzosen und die Amerikaner intervenierten, wodurch das Weltgewissen niemals übermäßig beunruhigt wurde, sofern es diese Interventionen nicht sogar billigte.
Von den entrüsteten Beiworten abgesehen, mit denen André FranÁois-Poncet seinen Bericht schmückt, haben sich die Dinge wirklich so zugetragen, wie er sagt: Die Tschechoslowakei ging an der Verletzung des Münchner Abkommens durch die Tschechen zugrunde.
Und was konnte Pius XII. schließlich zu den Bedingungen sagen, unter denen dies geschah, da sie ja durch Vereinbarungen zwischen Regierungen festgelegt worden waren, die durch das Münchner Abkommen anerkannt wurden? Einer von ihnen, der tschechischen Regierung, war Gewalt angetan worden, das ist sicher, aber sie nahm ja auch für sich das Recht in Anspruch, einer anderen Regierung Gewalt anzutun. Um sie an weiteren Übergriffen zu hindern, hatte Hitler beschlossen, die Tschechoslowakei zu be-
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setzen. Die einzige Möglichkeit, Hitler an dieser Besetzung zu hindern, bestand in einer allgemeinen Regelung sämtlicher europäischen Streitigkeiten durch eine internationale Konferenz, die sich dieses Ziel gesetzt hätte (Revision des Versailler Vertrages, vorgesehen durch Artikel 19 der Völkerbundsakte). Aber, nachdem man eine derartige Konferenz der Weimarer Republik verweigert hatte, verwehrte man sie nun auch Hitler, der auf den Vorschlag Roosevelts vom 16. Mai 1933 hin bereits am nächsten Tag, dem 17. Mai, in einer Rede vor dem Reichstag eine solche Konferenz im Prinzip begeistert akzeptierte. Auf eine Konferenz dieser Art konzentrierte daher Pius XII. seine Bemühungen, und im darauffolgenden Mai machte er einen entsprechenden Vorschlag.
Diese Konferenz hätte im übrigen nicht nur die Aufgabe gehabt, sich erneut mit dem tschechoslowakischen Problem zu befassen, denn zur gleichen Zeit, als Hitler im Einverständnis mit den Slowaken die bekannte Lösung hierfür lieferte, war schon ein weiteres Problem durch eine andere Provokation entstanden, nämlich das polnische.
Bis dahin standen die Deutschen und die Polen in sehr gutem Einvernehmen. Es bestand ein Bündnisvertrag vom 26. Januar 1934 zwischen ihnen, der vortrefflich funktionierte, und ihre Beziehungen waren äußerst herzlich. Abermals berichtet uns FranÁois-Poncet darüber:
"Oberst Beck stand mit Göring auf vertrautem Fuße, und dieser folgte jedes Jahr einer Einladung zur Jagd in den polnischen Wäldern. Bei diesen freundschaftlichen Zusammenkünften sprach man natürlich auch über die Danziger Frage und den polnischen Korridor, also über Probleme, die eines Tages im Interesse der guten Beziehungen der beiden Länder gelöst werden mußten. Oberst Beck gab zu verstehen, Polen werde sich nicht weigern, Danzig an das Reich zurückzugeben, wenn es dort wirtschaftliche Vorrechte beibehielte. Auch würde sich Polen mit einer exterritorialen Autobahn und Eisenbahnlinie, also einer direkten Verbindung zwischen West- und Ostpreußen, einverstanden erklären [176]."
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Die beiden Parteien waren sich also einig.
Als Ribbentrop jedoch am 21. März dem polnischen Botschafter in Berlin, Lipski, vorschlug, diplomatische Gespräche aufzunehmen, um dieser Übereinstimmung eine offizielle Form zu geben, reiste dieser nach Warschau und kehrte am 26. mit einer negativen Antwort von dort zurück. Und wie um diesem negativen Bescheid sein volles Gewicht zu verleihen, unterrichtete außerdem der deutsche Botschafter in Polen, von Moltke, am 24. März, dem Tag nach seiner Ankunft in Warschau, Berlin darüber, daß alarmierende Gerüchte über die Absichten Deutschlands gegenüber Polen in Umlauf seien. Am Tag darauf, dem 25. März, meldete der Chef der Abwehr, Canaris, die Mobilmachung von drei Reservistenjahrgängen sowie polnische Truppenkonzentrationen um Danzig herum.
Was war geschehen?
Am 18. März "hatte Litwinow . . . eine europäische Konferenz zu dem Zweck, Hitler Einhalt zu gebieten, vorgeschlagen, diesmal unter Teilnahme Frankreichs, Englands, Polens, Rußlands, Rumäniens und der Türkei [177]". Am gleichen Tage "gaben mehrere Agenturen bekannt, daß Deutschland Rumänien soeben ein Ultimatum gestellt habe und daß die rumänische Regierung, von Furcht ergriffen, Hitler die Bodenschätze ihres Landes überlassen habe [178]".
Dies war eine Falschmeldung. Bonnet, der erklärt, er habe erst 1944 durch die Worte des rumänischen Außenministers Grigore Gafencu: "1939 hat es in Bukarest niemals auch nur irgendein deutsches Ultimatum gegeben" Gewißheit darüber erlangt, stellt dieses Manöver als eine Provokation hin. Als die Verantwortlichen dafür sieht er die englischen Kriegstreiber an, an deren Spitze sich soeben Lord Halifax gesetzt hatte [179]. Als jedoch das Foreign Office am 18. März 1939 an den rumänischen Geschäftsträger in London, Tilea, eine diesbezügliche Anfrage richtete, bestätigte dieser das Ultimatum. Chamberlain berief daraufhin sogleich sein Kabinett ein. Es wurde der Beschluß gefaßt, daß Großbritannien die terri-
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toriale Integrität Rumäniens garantieren solle. Gleichzeitig sollte Polen, dessen Mitwirkung strategisch notwendig war, ersucht werden, das gleiche zu tun. Oberst Beck erklärte sich einverstanden unter der Bedingung, daß Großbritannien auch die territoriale Integrität Polens garantiere. Auf dieser Ebene wurde am 21. März verhandelt und am 31. März eine definitive Vereinbarung getroffen. Dies war der Grund für das Umschwenken Polens: Denn auf Grund der sich anbahnenden Beziehungen zwischen England und Rußland war Polen durch die britische Garantie gegen die Unternehmungen Rußlands weitaus mehr geschützt als durch den deutsch-polnischen Vertrag. Nur wußte Oberst Beck nicht, daß sich zur gleichen Zeit gleichartige Beziehungen auch zwischen dem Dritten Reich und Rußland anbahnten.
Im Vertrauen auf diese Garantie sollte Oberst Beck von nun an alles für erlaubt halten. Als erster erkannte Pius XII., was sich daraus ergeben könnte. Als Hitler, der die Überzeugung gewonnen hatte, daß das Umschwenken Polens unwiderruflich sei, am 26. April gleichzeitig den deutsch-polnischen Vertrag vom 26. Januar 1934 und das britisch-deutsche Flottenabkommen vom 18. Juni 1935 aufkündigte, gab es für Pius XII. an der Notwendigkeit eines Vermittlungsversuches keinen Zweifel mehr.
Doch Präsident Roosevelt war ihm zuvorgekommen: Am 14. April hatte er persönlich an Hitler und Mussolini ein Schreiben gerichtet, und zwar ausschließlich an sie. Er stellte ihnen darin geradeheraus die Frage: "Sind Sie bereit zu versichern, daß Ihre Streitkräfte das Territorium keines der nachstehend aufgezählten Staaten angreifen oder besetzen werden?" Es folgte eine Liste von 31 Ländern. Sodann wurde der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß eine solche Garantie "sechs Jahre und vielleicht sogar ein Vierteljahrhundert" Frieden bedeuten könnte. Schließlich versprach er für den Fall einer positiven Antwort die Teilnahme der Vereinigten Staaten "an weltweiten Gesprächen mit dem Ziel, die Welt von der erdrückenden Last des Rüstens zu befreien".
Das hieß Hitler und Mussolini allein als die Kriegstreiber hinstellen. Und das war im Hinblick auf die diplomatischen Gepflogenheiten eine grobe Unhöflichkeit, wenn nicht eine Provokation. "Eine Folge der fortschreitenden Lähmung", sagte Mussolini beim
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Empfang dieses Schreibens. Und Göring kommentierte: "Beginnende Geisteskrankheit." Und, meiner Treu . . . !
Hitler ließ ankündigen, er werde am 28. April in einer Rede vor dem Reichstag antworten, wie er es schon einmal auf einen höflicheren, inhaltsschwereren und vernünftigeren Vorschlag desselben Präsidenten Roosevelt am 17. Mai 1933 getan hatte.
Um einerseits einleuchtend darzulegen, inwieweit es möglich war, den Zweiten Weltkrieg zu vermeiden, und welche Haltung Hitler gegenüber Krieg und Frieden einnahm, und andererseits den Unterschied zwischen jenem früheren Vorschlag und demjenigen vom 14. April zu verdeutlichen, ist es notwendig, auf die Vorgänge des 16. und 17. Mai 1933 zurückzugehen.
Am 16. Mai 1933 hatte Präsident Roosevelt an die Staatsoberhäupter von 44 Nationen eine Botschaft gerichtet, in der er die Hoffnungen und Pläne der Vereinigten Staaten zum Thema Frieden durch Abrüstung darlegte, nämlich Abschaffung aller Angriffswaffen, und zwar zunächst der Bomber, Panzer und schweren Artillerie, Beschränkung der gesamten Rüstung, Truppenstärke usw. auf den Stand Deutschlands.
Die Antwort Hitlers erfolgte prompt und ohne Umschweife schon am nächsten Tag, dem 17. Mai, in einer Rede vor dem Reichstag. Sie war ein mitreißendes Glaubensbekenntnis für den Frieden, eine Kriegserklärung an den Krieg und verhieß ein vollkommenes Einvernehmen unter den Staaten Europas, sofern der Vorschlag Präsident Roosevelts bei den anderen Nationen die gleiche Aufnahme finden würde wie bei Deutschland. In der Rede hieß es:
"Der Vorschlag des amerikanischen Präsidenten Roosevelt, von dem ich heute nacht Kenntnis erhielt, verpflichtet die deutsche Regierung zu warmem Dank. Sie ist bereit, dieser Methode zur Behebung der internationalen Krise zuzustimmen . . . Dieser Vorschlag bedeutet eine große Beruhigung für alle, die an der aufrichtigen Erhaltung des Friedens mitarbeiten wollen . . . Deutschland ist ferner ohne weiteres bereit, auf Angriffswaffen überhaupt Verzicht zu leisten, wenn . . . die gerüsteten Nationen ihrerseits diese Angriffswaffen vernichten . . . Deutschland wäre auch ohne weiteres bereit, seine gesamte militärische Einrichtung überhaupt
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aufzulösen und den kleinen Rest der ihm verbliebenen Waffen zu zerstören, wenn die anliegenden Nationen ebenso restlos das gleiche tun würden . . . Deutschland ist bereit, jedem feierlichen Nichtangriffspakt beizutreten, denn Deutschland denkt nicht an einen Angriff, sondern an seine Sicherheit [180]."
Die ganze Welt atmete auf. Selbst die Sozialdemokraten im Reichstag spendeten dieser Rede Beifall. Man konnte zugegebenermaßen keine besseren Worte finden.
Dennoch blieb die Rede ohne praktische Folgen. Als der Vorschlag Roosevelts am darauffolgenden 14. Oktober vor dem Völkerbund zur Debatte gestellt wurde, verlangten die später im Krieg gegen Deutschland verbündeten Mächte acht (!) Jahre, um ihre Rüstung auf den Stand Deutschlands zu reduzieren. Dies bedeutete, daß sie acht Jahre lang Deutschland auf dem Rüstungssektor keinerlei Gleichberechtigung mit den anderen Nationen zugestehen würden. Und 15 Jahre lang schon hatte man auf derartige Vorschläge, denen Deutschland positiv gegenübergestanden war, ähnlich hinhaltende Antworten gegeben.
Das hieß die Welt zum besten haben. Doch dieses Mal verließ Deutschland den Völkerbund und schlug damit die Türen hinter sich zu. Die Entscheidung wurde in einer Volksabstimmung am darauffolgenden 12. November von 96 % der deutschen Wählerschaft gebilligt.
Nach all dem noch zu behaupten, es habe keinerlei Verhandlungsmöglichkeiten mit Hitler gegeben, ist eine Entstellung der Tatsachen. Am 14. Oktober 1933 haben die Alliierten selbst den Beweis erbracht, daß der Mangel an Verhandlungsbereitschaft eindeutig auf ihrer Seite lag, genauso wie seinerzeit gegenüber der Weimarer Republik. Sechs Jahre später lieferte das Schreiben Roosevelts vom 14. April 1939 an Hitler und Mussolini allein schon durch seine Formulierung dafür einen erneuten Beweis. Hitler reagierte sehr scharf.
Am 17. April ließ er durch Ribbentrop sämtlichen von Roosevelt aufgeführten Staaten (selbstverständlich mit Ausnahme von Polen, Rußland, Großbritannien und Frankreich, deren so und so
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oft öffentlich wiederholte Absichten er kannte) zwei Fragen vorlegen. Erstens: Hatten sie den Eindruck, von Deutschland bedroht zu sein? Und zweitens: Hatten sie Roosevelt beauftragt, jenen Vorschlag in jener Form zu unterbreiten? Die 27 Staaten, an die die Anfrage erging, antworteten einstimmig mit einem zweifachen Nein. Das war für ihn ein beispielloser diplomatischer Erfolg. Er wurde am nachfolgenden 28. April in einer Rede herausgestellt, in der Hitler die 27 Antworten verlas und seine Vorschläge für eine internationale Konferenz, auf der die Überreste des Versailler Vertrages einer Revision unterzogen werden sollten, wiederholte. Damit wurde Roosevelt öffentlich der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Folgerung Friedländers hierzu - vergessen wir nicht, daß er Professor für Zeitgeschichte am Institut universitaire des Hautes Études internationales in Genf ist, denn es beweist, daß die Kühe in der Schweiz genauso gut gehütet werden wie auch anderswo! - lautet:
"Die Botschaft Roosevelts findet außer in Deutschland, Italien und anscheinend [sic] beim Vatikan in der ganzen Welt eine günstige Aufnahme [181]". In Wirklichkeit sah es anders aus: Die Russen nahmen überhaupt nicht Stellung, sie standen nämlich mit Deutschland bereits in Unterhandlungen wegen eines Nichtangriffspaktes, der am 23. August des gleichen Jahres paraphiert wurde und die Teilung Polens vorsah [182]. Die gesamte übrige Welt aber mit Ausnahme der polnischen, englischen und französischen Kriegstreiber
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und Saul Friedländers sah in der in dieser Form unternommenen Intervention Roosevelts einen unbeschreiblichen diplomatischen Schnitzer. Es ist daher verständlich, daß Pius XII., der ein Gefühl für das Lächerliche besaß, sich diesem Schritt nicht anschloß. Im übrigen hatte Roosevelt völlig auf eigene Faust gehandelt und Pius XII. ebensowenig um seine Unterstützung gebeten [183] wie die 31 Länder, die er in seinem Schreiben anführte und von denen sich kein einziges, selbst Polen, Frankreich und England nicht, die sein Vorgehen billigten, in dieser Angelegenheit noch weiter offiziell zu ihm bekannte. Warum macht man also Pius XII. einen Vorwurf, wenn man den anderen keinen macht?
Das Vermittlungsprojekt Pius' XII. entsprach weit mehr der Tonart und den Gepflogenheiten der Diplomatie. Es beruhte auf weit vernünftigeren Vorstellungen, war besser der Situation angepaßt und wesentlich substantieller, daher auch weit erfolgversprechender, wenn man danach gehandelt hätte.
Der Plan sah in seinem Kern die Regelung sämtlicher zwischen den Staaten Europas bestehenden Streitigkeiten vor und betraf folgende fünf Länder: England, Frankreich, Italien, Deutschland und Polen. Streitgegenstände bildeten zwischen England und Deutschland die Kündigung des deutsch-englischen Flottenabkommens sowie die englische Garantie für Polen, zwischen England
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und Italien die Suezfrage, zwischen Frankreich und Italien die italienischen Forderungen in Nordafrika und zwischen Frankreich und Deutschland dessen Politik in Europa. Schließlich bestand noch der Gegensatz zwischen Deutschland und Polen. Das Projekt sollte in folgender Weise durchgeführt werden: Zwei dieser fünf Staaten gehörten nicht mehr dem Völkerbund an. Eine Beilegung der Streitigkeiten im Rahmen dieser Organisation, das heißt eine Regelung ohne Mitwirkung der Beteiligten, war daher ausgeschlossen. Als Lösungsweg verblieb also nur eine Regelung durch Kontakte unter den fünf Staaten. Hier erhebt Friedländer die Frage, warum nicht auch Rußland zu dieser Regelung hinzugezogen werden sollte, und versucht dem Leser einzureden, der Grund hierfür sei Pius' XII. "persönliche Abneigung gegen den Kommunismus . . . , die auf seine 'Kontakte' mit den . . . Sowjets (in Bayern) im Jahre 1919 zurückgeht [184]". In Wirklichkeit ist die Antwort sehr viel einfacher: Weil Rußland nämlich von keinem der bewußten Streitfälle betroffen war. Aus dem gleichen Grunde hatte man Rußland schon von der Münchner Konferenz ferngehalten. Daß Pius XII. dem Kommunismus feindlich gegenüberstand, steht außer Zweifel. Die Enzyklika Divini Redemptoris Pius' XI., in der er seine Grundsätze niedergelegt hatte, bringt das deutlich zum Ausdruck. Doch die Behauptung, er hätte Rußland auch dann nicht in sein Projekt mit einbezogen, wenn es in die europäischen Streitfragen verwickelt gewesen wäre, ist eine völlig unbegründete Hypothese. Aus dem gleichen Grunde wie Rußland waren auch die Vereinigten Staaten nicht berücksichtigt.
Um ganz sicherzugehen, daß er niemanden vor den Kopf stoßen würde, ließ Pius XII., bevor er seinen Plan den Beteiligten unterbreitete, durch seine diplomatischen Dienste entsprechend sondieren. Im folgenden sei nun dargelegt, wie die Ereignisse sich abspielten:
1. Am 1. Mai empfing Mussolini den Jesuitenpater Tacchi Venturi, der ein persönlicher Freund von ihm war und ihn im Namen des Papstes um seine Meinung fragte. Der Duce erbat sich einen Tag Bedenkzeit. Am 2. Mai, wie versprochen, beantwortete er die
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an ihn gerichtete Frage durch eine rückhaltlose Billigung. Als der Abgesandte des Papstes ihn daraufhin fragte, wie Hitler seiner Meinung nach reagieren werde, erwiderte er, "er neige zu der Ansicht, daß er . . . [den Vorschlag] nicht ablehnen werde". Er fügte lediglich als guten Rat hinzu, "daß es bei der Konferenzeinladung ratsam sei, . . . klar den Zweck zu nennen, nämlich in friedlicher Weise jene Fragen zu regeln, welche die fünf Mächte entzweit hielten, und auch jene, die sonst noch damit verbunden seien [185]".
2. Mit dieser Wegzehrung versehen, unterbreitete Staatssekretär Msgr. Maglione am folgenden Tag, dem 3. Mai, den Nuntien in Berlin, Paris, Warschau und London den Vorschlag des Papstes. Am 5. Mai wurde Msgr. Orsenigo in Begleitung Ribbentrops von Hitler in Berchtesgaden empfangen. Aus dem Bericht über diese Unterredung, den er am Tag darauf an das Staatssekretariat richtete [186], sowie aus dem deutschen Memorandum darüber [187] geht hervor, daß Hitler "nicht an eine Kriegsgefahr glaube, da die gespannte Stimmung mehr auf Hetze als auf Tatsachen zurückzuführen sei" und daß er vor der Erteilung seiner endgültigen Antwort "sich zuerst mit Mussolini in Verbindung setzen müsse, denn er wolle nichts ohne diesen unternehmen . . . Für alle Zukunft würden er und der Duce zusammengehen."
Für einen, der die Antwort des Duce kannte, war das ermutigend [188].
3. Der Pariser Nuntius, Msgr. Valerio Valeri, wurde am 6. Mai von Außenminister Georges Bonnet empfangen. Dieser sagte ihm zunächst, daß er, bevor er ihm eine endgültige Antwort geben
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könne, sich mit dem Herrn Ministerpräsidenten sowie mit Herrn Alexis Léger, dem Generalsekretär des Außenministeriums, besprechen müsse. Kurz nach diesem Bescheid rief er ihn jedoch an und bat ihn noch am gleichen Abend erneut zu sich. Er erklärte ihm, daß die französische Regierung den Schritt nicht als opportun erachte, ersuchte ihn jedoch, "den Kardinalstaatssekretär zu bitten, die Botschaft [einstweilen] nicht abzuschicken [189]".
Die Ansicht Msgr. Valerio Valeris über den von ihm unternommenen Schritt ist in seinem Schreiben an das Staatssekretariat vom 12. Mai niedergelegt. Der Vermittlungsversuch des Papstes war zu diesem Zeitpunkt bereits gescheitert:
"Alles in allem ist klar, daß die sogenannten demokratischen Staaten augenblicklich keine Fühlungnahme wünschen. Sie wollen vielmehr die der Ausdehnungslust der totalitären Staaten gezogene Schranke befestigen und verbreitern. Sie [die Demokratien] sind übrigens davon überzeugt, daß sich binnen weniger Monate die Waage der Macht völlig auf ihre Seite neigen wird. Das wurde mir von Herrn Bonnet gesagt und . . . von Herrn Bullitt, dem Botschafter der Vereinigten Staaten, wiederholt. Dieser verheimlichte mir nicht seine Befriedigung darüber, daß der Schritt des Heiligen Stuhles keine Folgen haben werde. Auch seine Meinung nach sei es tatsächlich alles in allem gesehen erforderlich, daß die totalitären Staaten mit dem Rücken an die Wand gestellt würden; nur dann und nachdem sie die Garantien gegeben hätten, auf die Herr Roosevelt in seiner Botschaft anspielte [190] . . . , könne man mit der Diskussion beginnen [191]."
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Am 7. Mai hatte ihm Alexis Léger seine Ablehnung des Gedankens einer Konferenz in nahezu gleichen Worten ausgedrückt.
4. Der Nuntius in London, Msgr. Godfrey, wurde am 5. Mai von Lord Halifax empfangen, der ihm den Standpunkt der britischen Regierung darlegte: "Seine Heiligkeit mögen Deren gute Dienste getrennt Deutschland und Polen, Frankreich und Italien anbieten [192]."
Auch hier also eine Ablehnung des Vermittlungsangebotes.
5. Die Antworten aus Paris und London, die dem Heiligen Stuhl am 7. Mai vorlagen, zerstörten sämtliche Hoffnungen, die die Antworten aus Italien und Deutschland in den Vorstellungen des Staatssekretärs und des Papstes hatten aufkeimen lassen. Am 8. Mai traf die Antwort Polens ein. Sie war offensichtlich den Stellungnahmen Frankreichs und Englands angeglichen. Der offizielle und endgültige Bescheid der Achsenmächte erfolgte gemeinsam. Er traf als letzter ein, und zwar am 9. Mai. In voller Kenntnis der negativen Antworten Frankreichs, Englands und Polens wurde darin geltend gemacht, "wegen der inzwischen eingetretenen Besserung der internationalen Lage halte man den Schritt [einer Fünf-Mächte-Konferenz] für verfrüht und für augenblicklich nicht notwendig; auch wolle man die hohe Autorität des Papstes nicht exponieren [193]".
Angesichts des Fait accompli konnten Hitler und Mussolini sich auch gar nicht anders äußern.
Friedländer konnte die chronologische Entwicklung des Vermittlungsversuches Pius' XII. bis hin zum Scheitern desselben nicht unbekannt sein, und sei es auch nur durch das von ihm so häufig zitierte Buch Giovannettis. Aber er sagt keinen Ton darüber! Sollte das geschehen sein, um die Verantwortlichen an diesem Scheitern, die von dieser Chronologie so erbarmungslos aufgezeigt werden, nicht kenntlich zu machen?
Der Text der Botschaft, die Pius XII. jedem der fünf Staatschefs als Einladung zu einer gemeinsamen Konferenz zu übermitteln gedachte, ist meines Wissens nicht offiziell bekannt gemacht wor-
[S. 133]
den. Man erfuhr den Inhalt zunächst lediglich durch Indiskretionen der diplomatischen Presse, womit die Londoner News Chronicle in ihrer Ausgabe vom 9. Mai begann. Ihre Meldung wurde in den folgenden Tagen von der Pariser Presse aufgegriffen. Weiteren Aufschluß über den Inhalt der Botschaft gab die Ansprache des Papstes an das Kardinalskollegium am 2. Juni [194], die einen öffentlichen Aufruf zum Frieden auf dem Wege internationaler Gespräche darstellte. Man erfuhr den Inhalt ferner durch den herzlichen Beifall, mit dem die Presse der gesamten Welt, namentlich die der neutralen Länder, diese Ansprache vom 2. Juni aufnahm.
Von da an verliefen die Friedensbemühungen Pius' XII. so wie es Lord Halifax anläßlich der Ablehnung der Fünf-Mächte-Konferenz als wünschenswert erachtet hatte: zugunsten der Wiederherstellung normaler Beziehungen zwischen Polen und Deutschland einerseits und Frankreich und Italien andererseits.
Doch damit hatte er ebensowenig Erfolg.
Von diesen Bemühungen Pius' XII. erwähnt Friedländer lediglich diejenigen hinsichtlich Deutschlands und Polens. Sie waren vor allem durch die Ratschläge zur Mäßigung und Vorsicht gekennzeichnet, die der Papst durch seinen Nuntius in Warschau, Msgr. Cortesi, der polnischen Regierung mehrfach aussprechen ließ. Am 30. und 31. August ging er sogar so weit, Konzessionen zu empfehlen: die Rückkehr Danzigs zum Reich, die Neuordnung des polnischen Korridors und die Garantie gewisser Rechte für die deutsche Minderheit in Polen [195].
Friedländer interpretiert alles dies in folgendem Sinne: " . . . der Heilige Stuhl sagt während der letzten Wochen der . . . Krise der Diplomatie des Reiches seine Unterstützung zu [196]." Anders ausgedrückt, der Papst handelte aus der Sorge heraus, die deutsche Diplomatie zu unterstützen, nicht aber in dem Bestreben, zwischen
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Deutschland und Polen eine territoriale Neuordnung und eine Regelung über das Schicksal der deutschen Minderheit in Polen herbeizuführen, das heißt, eine vernünftigere Regelung als die in Versailles festgelegte, die die Ursache des deutsch-polnischen Konfliktes bildete.
Kurz, aus Sympathie für das nationalsozialistische Deutschland.
Es ist immer die gleiche Methode.
Doch wir wollen uns kurz fassen. Aus dem Zeitraum vom Scheitern seines Vermittlungsversuches Anfang Mai bis zum 1. September 1939 ragt ein Ereignis heraus: die öffentliche Mahnung zum Frieden vom 24. August. In diesem "Aufruf an die Regierungen und die Völker" hieß es: "Nichts ist mit dem Frieden verloren. Mit dem Krieg kann alles verloren sein [197]!"
Am folgenden Tag, dem 25. August, unternahmen die Souveräne von Belgien und Holland einen letzten Vermittlungsversuch. Pius XII. schloß sich demselben an, indem er auf "das glückliche Zusammentreffen mit seiner eigenen Rundfunkbotschaft für den Frieden [198]" hinwies.
Die letzte Geste Pius' XII. am Ende dieses Zeitraumes bestand darin, daß er am 31. August 1939 den Botschaftern Deutschlands, Polens, Englands, Frankreichs und Italiens durch Kardinalstaatssekretär Maglione eine Note überreichen ließ, die zwei Punkte enthielt:
1. Für Deutschland und Polen den Vorschlag einer zehn- bis vierzehntägigen Stillhaltepause, für deren Dauer sich die beiden Länder verpflichten sollten, sich jeglicher Maßnahmen und Zwischenfälle zu enthalten, die die Spannung verschärfen könnten.
2. Für alle übrigen Empfänger ein Ersuchen um eine internationale Konferenz, deren Ziel in der Beilegung des deutsch-polnischen Konfliktes sowie einer Revision des Versailler Vertrages bestehen sollte [199].
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Am Nachmittag dieses 31. August schlug Mussolini Frankreich und Großbritannien eine Viererkonferenz für den 5. September vor. Zuvor hatte er den Grafen Ciano beauftragt, Msgr. Maglione mitzuteilen, daß "Italien den Vorschlag des Papstes mit ganzer Kraft unterstütze [200]".
Anlaß dieser beiden Vorschläge war die Tatsache, daß Hitler sich am 29. August zu Verhandlungen bereit erklärt hatte, vorausgesetzt, daß ihm bis zum Abend des 30. August ein mit allen Vollmachten versehener polnischer Unterhändler geschickt würde. Wenn nicht, so bedeute das den Krieg (Quintessenz seiner Erklärungen). Alles deutete nun aber darauf hin, daß die Polen im Bewußtsein der Rückendeckung durch England und Frankreich diesen Bevollmächtigten nicht schicken würden.
In seinem Kommentar zu dem Telegramm, das Bergen am 30. August 1939 von Rom nach Berlin sandte und in dem es hieß, " . . . daß im Falle des Ausbleibens eines polnischen Unterhändlers in Berlin vielleicht mit einer neuen, und zwar päpstlichen Initiative zu rechnen sei", zog Friedländer indessen die Folgerung: "Schließlich fand keine päpstliche Initiative in diesem Sinne statt [201]." Wie gesagt - ein Professor für Zeitgeschichte am Institut universitaire des Hautes Études internationales in Genf . . . Eine einzige Frage hierzu: Erfolgte seine Ernennung auf Grund von Diplomen oder genügte schon die Vorlage seines Taufscheins?
[S. 136]
Und dann kam der Krieg . . .
Die erste Stellungnahme Pius' XII., die öffentlich bekannt wurde, datiert vom 14. September 1939. Es handelt sich um seine Antwort an den neuen Botschafter Belgiens, der ihm an jenem Tage sein Beglaubigungsschreiben überreichte:
"Wir brauchen nicht zu wiederholen, wie sehr Wir bis zum letzten Augenblick vor dem Ausbruch der Feindseligkeiten nichts unversucht gelassen haben, was in Unserer Macht lag - sei es durch Gebete und öffentliche Ermahnungen, sei es durch wiederholte und unmißverständliche vertrauliche Demarchen, um die Menschen über die Größe der Gefahr aufzuklären und sie zu ehrlichen und friedlichen Verhandlungen zu veranlassen . . . "
Sodann folgte der Satz, der seine Haltung während des ganzen Krieges kennzeichnete:
" . . . Wir werden nicht aufhören, aufmerksam nach allen etwaigen Gelegenheiten, durch die die heute aufgewiegelten und entzweiten Völker erneut zum Abschluß eines für alle gerechten und ehrenvollen Friedens hingeführt werden könnten, Ausschau zu halten, um sie mit Unserer ganzen Macht zu unterstützen [202]."
Eines "für alle gerechten und ehrenvollen Friedens", nicht aber einer Rückkehr zum Status quo.
Friedländer bemerkt hierzu: "Selbstverständlich muß ein Friede, der nicht von einer Rückkehr zum Status quo . . . ausgeht, den Deutschen in die Hände spielen [203]." Folglich muß man sich also vor einer Rückkehr zu einem "für alle gerechten und ehrenvollen Frieden" hüten. Bedenkt man jedoch, daß Hitler und der Zweite Weltkrieg kamen, eben weil der Versailler Vertrag keinen "für alle gerechten und ehrenvollen Frieden" geschaffen hatte - ins-
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besondere nicht für die Deutschen -, so können einen die Motive, die den Gedankengängen Friedländers zugrunde liegen, nur erschrecken. Also niemals einen gerechten Frieden für die Deutschen? Und das ihnen 1919 zugefügte Unrecht wiedergutmachen hieße nur "ihnen in die Hände spielen", nicht aber, gerechte Verhältnisse wiederherstellen? Dann könnte man ebensogut auf der Stelle festsetzen, das Bemühen um Gerechtigkeit sei kein sittliches Gebot.
Derartiges Gerede hält einer Prüfung nicht stand. Pius XII., der es, wenn auch in weniger deutlicher Form, aus dem Mund der Diplomaten der Alliierten vernahm, hat sich im übrigen niemals, damit aufgehalten. Seine erste Enzyklika Summi Pontificatus vom 20. Oktober folgte einer Richtschnur, die er in seiner Antwort vom 14. September an den belgischen Botschafter festgelegt hatte: einer Stellungnahme für die Rückkehr zum Frieden, die überdies den Ausspruch Pius' XI.: "Geistig gesehen, sind wir alle Semiten" durch die Worte: "Da heißt es nicht mehr Heide oder Jude . . . " wieder aufgriff, was ein wenig zu sehr in Vergessenheit geraten ist. Seine Enzyklika spiegelte diesen Standpunkt so deutlich, daß sie im Lager der Alliierten sogleich als eine "Charta der internationalen Moral" begrüßt wurde.
Bei zahlreichen anderen Gelegenheiten bekräftigte Pius XII. diesen grundsätzlichen Standpunkt erneut:
In seiner Weihnachtsbotschaft 1939, in der alle die Punkte zusammengefaßt waren, die seiner Ansicht nach die rechtlichen und politischen Voraussetzungen für einen gerechten und dauerhaften Frieden bildeten [204].
In seinem Schreiben vom 7. Januar 1940 an Präsident Roosevelt, mit dem er dessen Brief erwiderte, den er am 24. Dezember 1939 erhalten hatte und in dem Roosevelt ihm neben der Abreise seines Sonderbeauftragten Myron Taylor seine Absicht ankündigte, "die Unterstützung der drei großen Religionen [zu suchen], um der Welt im geeigneten Augenblick die Grundlagen für einen dauerhaften Frieden anzubieten".
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In der Antwort Pius' XII. auf dieses Schreiben hieß es: "Nichts konnte Uns zu Weihnachten willkommener sein als diese Nachricht, denn sie stellt . . . einen wichtigen Beitrag dar zu Unseren eigenen Bemühungen um die Schaffung eines gerechten und ehrenvollen Friedens [205]."
In seiner Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezember 1940, die seine Forderungen für eine Neuordnung enthält [206].
In seinem Schreiben vom 20. April 1941 an den Kardinalstaatssekretär, in dem er diesen anwies, öffentliche Gebete für den Frieden zu empfehlen [207].
In seiner Antwort vom 17. Juli 1941 an den neuen Botschafter Perus anläßlich der Überreichung des Beglaubigungsschreibens. Thema dieser Antwort ist die soziale Gerechtigkeit als Grundlage des Friedens [208].
In seiner Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezember 1941, die die Voraussetzungen für einen gerechten und dauerhaften Frieden zum Gegenstand hat [209].
In seiner Ansprache vom 13. Mai 1942 (anläßlich seines Bischofsjubiläums) über die Aufgabe der Kirche im Weltkrieg [210].
In seiner Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezember 1942 über die christliche Gesellschaftsordnung [211].
In seiner Ansprache vom 2. Juni 1943 an das Kardinalskollegium, deren Thema ein Protest gegen den totalen Krieg ist [212].
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In seiner Ansprache vom 13. Juni 1943 an die italienischen Arbeiter, die eine Entgegnung auf die Verleumdungen der Friedensbemühungen des Heiligen Stuhles darstellt [213].
In seiner Botschaft vom 1. September 1943 an die gesamte Welt zum vierten Jahrestag des Kriegsausbruches über das Thema, welchen Zweck es habe, eine solche Geißel zu verlängern [214].
In seiner Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezember 1943 über die Grundsätze eines Programmes für einen gerechten und dauerhaften Frieden [215].
In seiner Botschaft vom 1. September 1944 an die gesamte Welt zum fünften Jahrestag des Kriegsausbruches. Diese Botschaft enthält eine Reihe von Erwägungen für die Zukunft über den Aufbau der Gesellschaft sowie über Wirtschaftsprobleme [216].
In seiner Weihnachtsbotschaft vom 24. Dezember 1944 über die wahre Demokratie und die Voraussetzungen, unter denen eine internationale Organisation den Frieden in wirksamer Weise garantieren kann [217].
Wir haben es nicht für notwendig erachtet, aus diesen verschiedenen Schriften die Stellen anzuführen, die das Bemühen des Papstes zeigen, zwischen Völkern und Staatsmännern ein für die Wiederaufnahme der internationalen Beziehungen psychologisch günstiges Klima zu schaffen. Doch wird sich der Leser leicht an Hand der angegebenen Quellen darüber informieren können.
Der gleichen Sorge des Papstes um die Abkürzung des Krieges entsprang das, was wir aus den Worten der viel zuwenig bekannten amerikanischen Historikerin Anne Armstrong erfahren:
" . . . Papst Pius XII. warnte im Juni 1944 Präsident Roosevelt
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durch dessen Abgesandten Myron Taylor: Der Friedenstempel werde nur dann dauernden Bestand haben, wenn er auf der Basis christlicher Nächstenliebe gegründet sei, nicht aber, wenn leidenschaftliche Sucht nach Vergeltung oder irgendwelche Elemente des Hasses die Bausteine seien. Der Papst sagte zu Taylor, er halte die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation für unvereinbar mit der christlichen Glaubenslehre [218]."
Mit der Vernunft und dem schlichten, gesunden Menschenverstand ist sie ebenso unvereinbar: Es gibt heutzutage kaum noch einen Menschen, den die bekannten Tatsachen nicht überzeugt haben, daß diese Forderung den Krieg um mindestens zwei Jahre verlängert hat.
Doch sehen wir nun, welche praktischen Folgerungen Pius XII. aus diesen immer wieder bekräftigten Grundsätzen gezogen hat, das heißt, zu welchen diplomatischen Interventionen er sich dadurch veranlaßt fühlte. Es zeigt sich, daß wir sowohl seine Interventionen zugunsten der Nichtausweitung des Krieges als auch diejenigen, die er in Hinblick auf die Wiederherstellung des Weltfriedens unternahm, in zwei Gruppen einteilen müssen: in jene, die durch unwiderlegbare Texte, und in jene, die nur durch Äußerungen mehr oder weniger qualifizierter Zeugen verbürgt sind.
Zur erstgenannten Gruppe gehören seine vielfältigen Interventionen, durch die er den Kriegseintritt Italiens zu verhindern suchte. "Neun Monate lang", sagt Duclos, "verging keine Woche, in der der Papst nicht direkt - in einer Ansprache, einem Schreiben, einer Audienz - oder indirekt - durch Vermittlung seines Staatssekretärs, seiner Nuntien oder durch halboffizielle Persönlichkeiten - auf die italienische Öffentlichkeit und die verantwortlichen Führer, insbesondere auf Ciano, eingewirkt hätte [219]."
Und das ist durchaus zutreffend.
Nachstehend einige der wichtigsten Beweise:
Nachdem man am 4. September in Il Popolo d'Italia hatte lesen können, "daß Italien bei dem [von Hitler unternommenen] Wie-
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deraufbau und der Befreiung des neuen Europas auf keinen Fall abseits stehen werde", ließ Pius XII. am 6. September Mussolini durch Pater Tacchi Venturi die Mahnung überbringen, er möge sich mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für den Frieden einsetzen.
Am 20. Oktober hieß es in der Enzyklika Summi Pontificatus: "Das ist Unser Gebet zum Herrn, daß dieser Friede wie heiteres Himmelsblau das Gemüt des italienischen Volkes durchziehe, belebe, weite und machtvoll stärke [220]."
Am 7. Dezember gab er anläßlich des Empfanges des neuen italienischen Botschafters beim Vatikan, Alfieri, seiner Überzeugung Ausdruck, "daß seine Friedensbemühungen in dem mutigen, starken und arbeitsamen italienischen Volk, das durch die Besonnenheit seiner Führer sowie durch sein eigenes innerstes Gefühl bisher vor dem Krieg bewahrt blieb, stets ein getreues Echo finden würden [221]".
Im Dezember bahnten sich neue Beziehungen zwischen dem König von Italien, der die Neutralität dieses Landes befürwortete, und dem Papst an. Vermittler hierbei war Graf Ciano, der die gleiche Ansicht vertrat. Am 21. Dezember wurde das italienische Königspaar in Begleitung des Grafen Ciano im Vatikan empfangen, was seit dem Konkordat von 1929 nicht mehr vorgekommen war. In seiner Ansprache gab der Papst dem Wunsch Ausdruck, "daß Gott dem italienischen Volk bei vorausschauender Wachsamkeit und versöhnlicher Weisheit nicht nur seinen inneren und äußeren Frieden schenken, sondern auch die Wiederherstellung eines ehrenvollen und dauerhaften Friedens unter den Völkern gewähren möge [222]". Am 28. Dezember stattete der Papst dem König einen Gegenbesuch ab - den ersten Besuch eines Papstes im Quirinal seit 70 Jahren - und äußerte sich dort in ähnlicher Weise.
[S. 142]
Am 17. März fand eine Begegnung zwischen Hitler und Mussolini am Brenner statt, aus der der Duce als Abhängiger Hitlers hervorging. Als der Osservatore Romano eine Kampagne für den Frieden startete, wurde Botschafter Alfieri am 9. April von Mussolini beauftragt, Protest dagegen zu erheben. Msgr. Maglione erteilte dem Botschafter daraufhin folgende Antwort: "Der Osservatore Romano wird zwar in Italienisch gedruckt, ist aber das Organ des Heiligen Stuhls. Er darf nicht mit den italienischen Zeitungen gleichgestellt werden . . . Es muß überall, vor allem aber im Ausland, ersichtlich sein, daß er wirklich das Blatt des Heiligen Stuhls, das heißt unparteiisch und lauter ist [223]."
Am 24. April richtete er ein persönliches Schreiben an den Duce, in dem es hieß: "Der Heilige Vater äußert aus tiefstem Herzen den heißen Wunsch, daß Europa weitere Verheerungen und noch mehr Leid und insbesondere unserem lieben Vaterland, Ihrem Land, ein derartiges Elend erspart werden mögen [224]." Die Beziehungen verschlechterten sich . . . Der Papst versteifte sich auf seine grundsätzlichen Auffassungen.
Und dann ereignete sich jener wohlbekannte Vorfall vom 13. Mai 1940: Botschafter Alfieri war beauftragt worden, beim Heiligen Stuhl erneut vorstellig zu werden. Gegenstand der Kritik war die Friedenskampagne des Osservatore Romano, zu der dieses Mal eine am 5. Mai in der Basilika Santa Maria sopra Minerva gehaltene päpstliche Ansprache, die einen eindringlichen Appell an das Volk zugunsten der Neutralität Italiens darstellte, der Anlaß war, ferner waren es drei Telegramme des Papstes an die Souveräne Belgiens, Luxemburgs und der Niederlande, in denen er die Invasion dieser Länder verurteilte. "Der Heilige Vater", sagt Alfieri [225], "erwiderte mir, er begreife den Unwillen des Regierungschefs nicht . . . Es komme, was da mag, schloß er mit ruhiger Bestimmtheit, und wenn sie mich eines Tages verhaften und in ein Konzentrationsla-
[S. 143]
ger bringen. Jeder muß seine eigenen Taten einmal vor Gott verantworten."
Man weiß, daß Mussolini sich damals bereits unwiderruflich für ein Eingreifen in den Konflikt entschieden hatte. Pius XII. mußte am 2. Juni vor dem Kardinalskollegium seine Ohnmacht eingestehen. Am 10. Juni erklärte Italien Frankreich den Krieg.
Gegenüber dem Kriegseintritt Deutschlands gegen Rußland, sodann Japans gegen die Vereinigten Staaten und als Folge davon schließlich auch Deutschlands gegen die Vereinigten Staaten besaß Pius XII. weitaus schlechtere, wenn nicht gar keine Interventionsmöglichkeiten. Im einen wie im anderen Fall wurde er vor die vollendete Tatsache gestellt. Immerhin weigerte er sich nachzugeben: Er fand sich ebensowenig zu einem Kreuzzug gegen den Nationalsozialismus bereit, der von den Alliierten ununterbrochen gefordert wurde, wie zu einem Kreuzzug gegen den Bolschewismus, der ebenso ununterbrochen von den Achsenmächten gefordert wurde, was im einen wie im anderen Fall einem Kriegseintritt zugunsten der einen oder der anderen Seite gleichgekommen wäre.
Auch hierfür liegen beweiskräftige Texte vor:
"Radio Moskau konnte im Jahre 1943 melden, Pius XII. habe ein Zusammengehen mit Hitler in einem Kreuzzug gegen die Sowjetunion abgelehnt", sagte der Osservatore Romano vom 16. Januar 1945. Diese Erklärung ist niemals dementiert worden.
Wir hören es auch von Pius XII. selbst:
"Wir haben Uns im besonderen gehütet, obwohl man Uns in dieser Hinsicht unter einen gewissen Druck setzte, Uns mündlich oder schriftlich auch nur mit einem einzigen Wort, einem einzigen Zeichen der Billigung oder der Ermutigung, zugunsten des 1941 gegen Rußland begonnenen Krieges zu äußern [226]."
Man darf das wohl glauben, denn Friedländer selbst gibt diese Tatsache zu [227]. Gleichzeitig behauptet er allerdings, daß diese Haltung Pius' XII. lediglich von seiner Sympathie für das nationalsozialistische Deutschland, das einzige Bollwerk gegen den Bolsche-
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wismus, bestimmt gewesen sei. Wahrhaftig, ein Musterbeispiel für einen Widerspruch [228]!
Im September 1941 schickten die bis dahin neutralen Angelsachsen sich an, die Russen zu unterstützen. Am 9. überreichte Myron Taylor Pius XII. ein Schreiben mit Datum vom 3. September, durch das Roosevelt den Papst über die Gründe für diese Entscheidung unterrichtete. So sei die russische Diktatur für die Sicherheit der anderen Nationen weniger gefährlich als die deutsche Diktatur und die nationalsozialistischen Verbrechen. Es folgt ein Grund, der den Papst dazu veranlassen sollte, die amerikanischen Katholiken aufzufordern, denselben Weg einzuschlagen wie ihr Präsident, das heißt, der Pius XII. veranlassen sollte, mit eigenem Beispiel dabei voranzugehen und dies auch vor der amerikanischen Öffentlichkeit zu vertreten: der Grund nämlich, daß, nachdem soeben mit Genehmigung der Regierung in Moskau ein orthodoxer Patriarch gewählt und eine Wiederaufnahme der Gottesdienste gestattet worden war, sich die religiöse Situation in Rußland gebessert habe. Der Papst lehnte jedoch das Ersuchen ab. Taylor berichtete: "Seine Heiligkeit bestätigte, daß der Heilige Stuhl den atheistischen Kommunismus und die totalitären Systeme verdamme, daß er jedoch das russische Volk weiterhin mit einer ganz väterlichen Zuneigung betrachte." In seiner Weihnachtsbotschaft 1941 bestätigte er diese Weigerung, in dem von Roosevelt gewünschten Sinne Stellung zu nehmen, in allgemeiner Form: "Wir lieben, dessen ist Gott Zeuge, mit gleicher Liebe alle Völker ohne irgendeine Ausnahme; um auch nur den Anschein des Parteigeistes zu vermeiden, haben wir Uns bis jetzt die größte Zurückhaltung auferlegt [229]."
Nun wird auch deutlich, welchen Sinn man dem Wort "Zurückhaltung", von dem die Gegner des Pazifisten Pius XII. soviel Aufhebens gemacht haben, in diesem Zusammenhang zu geben hat. Der deutsche Botschafter in Madrid hatte zweifellos recht, als er schrieb: "Der Papst habe hierfür [für das Verhalten Roosevelts] kein großes Verständnis gezeigt und erneut betont, daß die Ausdehnung des Krieges das größte Verhängnis sein würde; er freue
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sich, daß die USA trotz dem allen noch neutral seien, da sie nur so für die Wiederherstellung des Friedens mit dem Heiligen Stuhl zusammen wirken könnten [230]." Alle Worte und alle Schriften des Papstes gehen in diese Richtung: Wir glauben das unbestreitbar bewiesen zu haben.
Und wenn Bergen am 11. Dezember schrieb, "in . . . vatikanischen Kreisen werde das Verhalten Roosevelts unverhohlen kritisiert. Der Präsident habe sich nicht nur nicht bemüht, die Erweiterung des Krieges auf andere Länder zu verhüten, sondern schließlich auch sein eigenes Land in den Krieg hineinmanövriert [231]", so steht außer Zweifel, daß er mit dieser Darstellungsweise dem Heiligen Stuhl eine von ihm persönlich gehegte Ansicht unterstellte, doch hatte er unbestreitbar recht. Tatsächlich nämlich hatte Roosevelt sich "nicht bemüht, die Erweiterung des Krieges auf andere Länder zu verhüten", und "auch sein eigenes Land in den Krieg hineinmanövriert". Seine Handelspolitik gegenüber Japan beweist das in reichem Maße. Der Inhalt seines Schreibens an Pius XII. vom 3. September 1941 ist ein Geständnis, da ja nicht die geringste Provokation seitens Deutschlands vorlag. Man kann sich nur wundern, daß er trotz dieses Manövrierens dennoch am darauffolgenden 7. Dezember durch Pearl Harbor überrascht und genau wie der Papst vor die vollendete Tatsache gestellt wurde.
Friedländer äußerte seine Ansicht zu dieser ganzen Angelegenheit, indem er die am 21. März 1942 vom deutschen Botschafter Bergen an die Wilhelmstraße übermittelten Informationen hervorhob:
"Wie ich geheim erfahre, hat Heiliger Stuhl, anscheinend auf Betreiben italienischer Regierung, tatsächlich durch seine diplomatischen Vertreter auf die an Konferenz von Rio de Janeiro beteiligten Länder (d. h. die südamerikanischen Staaten, die Roosevelt zum Abbruch ihrer diplomatischen Beziehungen zu den Achsenmächten und Japan zu veranlassen suchte) im Sinne Beibehaltung Neutralität vor Zusammentritt Konferenz eingewirkt. Durch Meldung United Press habe er sich jedoch zu Dementi durch Apostoli-
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schen Delegaten in Washington gezwungen gesehen, um Vorwurf Einmischung oder Parteinahme zu vermeiden [232]."
Daß die apostolischen Nuntien in Südamerika wie Pius XII. selbst gegen eine Ausweitung des Krieges waren, ist selbstverständlich. Daß sie ebensowenig wie der Papst ein Hehl daraus machten, ist ebenso selbstverständlich. Aber dann gleich von "Einwirken" zu reden, dazu gehört doch wesentlich mehr, daher auch das Dementi. Daß Pius XII. schließlich "auf Betreiben [der] italienischen Regierung" gehandelt und sich ihr gefügt haben soll, das übersteigt nun wirklich das Begriffsvermögen, wenn man sich nur vergegenwärtigt, mit welcher Festigkeit er den Vorhaltungen begegnete, die ihm seitens des Duce gemacht wurden [233].
Wenn der deutsche Botschafter seiner Regierung eine derartige Mitteilung machte, um eine Erklärung für einen Mißerfolg abzugeben, dann mag das noch hingehen. Wenn Friedländer diese Darstellung jedoch als bare Münze ausgibt, so ist das ganz einfach eine Unterstellung, die im übrigen seiner Manier entspricht, denn seine gesamte Abhandlung besteht ja aus nichts anderem.
Bei dieser wie bei allen anderen Gelegenheiten verhielt Pius XII. sich so, weil er gegen die Ausweitung des Krieges war, nicht aber, um dem Duce eine Freude zu machen. Weil er um die Wiederherstellung des Friedens bemüht war, verhielt er sich so, und weil eine Ausweitung des Krieges auf noch unbeteiligte Länder niemals der beste Weg zu diesem Ziel ist.
Auf der Ebene der Praxis, das heißt der Diplomatie, bleibt nun lediglich noch zu zeigen, in welcher Weise Pius XII., nachdem er sich bemüht hatte, eine Ausweitung des Krieges zu verhindern, gemäß seinen eigenen Worten "nach allen . . . Gelegenheiten, durch die die . . . Völker . . . zum Abschluß eines gerechten und für alle ehrenvollen Friedens hingeführt werden könnten, Ausschau" hielt und wie er sie nutzte.
[S. 147]
Eines muß zunächst eingeräumt werden: Niemals, obgleich er nicht aufhörte, es zu wünschen und zu erhoffen, erhielt er - wie Benedikt XV. während des Ersten Weltkrieges - die Gelegenheit, während des Zweiten Weltkrieges eine diplomatische Friedensoffensive einzuleiten. Er konnte höchstens versuchen, die Parteien miteinander in Kontakt zu bringen. Welche Gelegenheiten sich ihm dazu boten, soll nachstehend in chronologischer Reihenfolge dargelegt werden:
1. Nachdem der Polenfeldzug zu Hitlers Vorteil beendet worden war, ersuchte dieser Mussolini, der immer noch neutral war und sich daher in einer günstigeren Position befand, Sondierungen für einen Kompromißfrieden vorzunehmen, der auf ein Polen ohne deutsche, ukrainische und litauische Minderheiten abzielte. Der Duce tat daraufhin zweierlei: Einerseits beauftragte er Mitte September Il Popolo d'Italia mit der Veröffentlichung einer Artikelserie, durch die England und Frankreich gedrängt werden sollten, einem Kompromiß auf dieser Grundlage zuzustimmen. Andererseits ersuchte er den Grafen Ciano, seinen Außenminister, Pius XII. die Bitte übermitteln zu lassen, seinen Einfluß in London und Paris für einen solchen Friedensvorschlag geltend zu machen. Die beste Darstellung der Bedingungen dieses Kompromisses erfolgte am 22. September in einem Artikel des Osservatore Romano. Diese Veröffentlichung stellt allein schon einen unbestreitbaren Beweis dafür dar, daß Pius XII. einem Friedensvorschlag in dieser Form positiv gegenüberstand. Im übrigen war es ein sehr annehmbarer Vorschlag, denn wäre er wirksam geworden, hätte das bedeutet, da Rußland sich nicht im Kriegszustand befand, daß der Frieden wiedergewonnen gewesen wäre.
Hitler hielt daraufhin am nachfolgenden 8. Oktober im Reichstag eine Rede, die einen Vorschlag für einen allgemeinen Frieden darstellte: keine Kriegsabsichten gegen Frankreich und England, mit Ausnahme der Kolonien keine Revisionsforderungen hinsichtlich des Versailler Vertrages mehr, einen selbständigen polnischen Staat nach Regelung des Problems der europäischen Minderheiten im Rahmen einer allgemeinen Konferenz, Regelung der Judenfrage, Abrüstung, europäische Zusammenarbeit . . . Nichts darunter, was nicht recht und billig gewesen wäre. Der Vorschlag war
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noch präziser und damit noch annehmbarer als der in den Artikeln des Il Popolo d'Italia.
Zwei Autoren, Duclos und Mourin, behaupten, ohne jedoch ein Datum dafür anzugeben, Msgr. Maglione, der Staatssekretär des Vatikans, habe die Nuntien in Paris und London beauftragt, den beiden Regierungen eine in diesem Sinne abgefaßte päpstliche Botschaft zu überreichen. Der erste Verfasser spricht von einem "Angebot der guten Dienste" und charakterisiert dies folgendermaßen: "Der Papst begnügt sich damit, seinem Wunsch nach einer Wiederherstellung des Friedens in Europa Ausdruck zu geben, und rät den beiden Nationen, die erste Gelegenheit zur Erreichung dieses Zieles wahrzunehmen [234]." Und der zweite erklärt: "Die Intervention des Vatikans blieb vage und vorsichtig. Er wollte vermeiden, daß eine zu deutliche Stellungnahme die Katholiken der kriegführenden Länder in einen Gewissenskonflikt brächte [235]." Aus den vom Verlag Bonne Presse herausgegebenen Actes de Pie XII [236] schließlich erfahren wir zum Thema der diplomatischen Interventionen folgendes:
"Auf dem üblichen offiziellen Wege übernahm es Pius XII. (Ende 1939/Anfang 1940) auf Ersuchen einflußreicher politischer und militärischer Kreise Deutschlands, der anderen kriegführenden Partei einige Fragen bezüglich der Kriegsziele und Friedensbedingungen zu übermitteln" und ferner: "Das Eingreifen des Papstes [man ergänze: in den Krieg] beschränkte sich auf diese Übermittlung."
Damit gelangt man zu der Schlußfolgerung, daß es sich um jene Art von sondierenden Noten handelte, die in der Diplomatie des Vatikans Tradition sind. Mit anderen Worten: Bevor er seine "guten Dienste" anbot, wollte Pius XII. zunächst einmal wissen, welche Aussichten auf Erfolg sein Vorschlag haben würde.
Er hatte keine. Von der Rednertribüne des Unterhauses herab erscholl am 12. Oktober durch die Stimme Chamberlains die Antwort auf die Friedensvorschläge Hitlers: "Der gegenwärtigen deutschen Regierung kann keinerlei Vertrauen entgegengebracht werden." Am Tage darauf, dem 13. Oktober, zog Hitler den Schluß
[S. 149]
daraus, "daß Chamberlain sich durch die Ablehnung seines Friedensangebotes mit voller Überlegung für den Krieg entschieden habe".
Die päpstliche Initiative fand damit ihr Ende: Es bestand für Pius XII. kein Grund mehr, seine guten Dienste anzubieten.
2. Am 7. November 1939 boten die Königin der Niederlande und der König der Belgier den Kriegführenden ihre Vermittlung an. Die Könige von Dänemark, Norwegen, Schweden und Rumänien sowie der Präsident der finnischen Republik unterstützten den Schritt. Der Vatikan ebenfalls [237].
3. Wie oben erwähnt, richtete er im Namen der Deutschen eine Anfrage an die andere kriegführende Partei nach deren Kriegszielen und Friedensbedingungen.
4. Am 11. März 1940 soll Ribbentrop, nach Camille Cianfarra, im Verlauf seines Besuches in Rom, von dem bereits die Rede war [238], Pius XII. einen elf Punkte umfassenden Friedensplan unterbreitet und ihn gebeten haben, die Alliierten davon zu unterrichten. Außer den Dementis, die von London, Paris, Berlin und dem Vatikan selbst ausgegeben und von der damaligen Presse veröffentlicht wurden [239] gestattet jedoch nichts die Annahme, daß dieser Plan Pius XII. von Außenminister Ribbentrop tatsächlich unterbreitet wurde.
5. Am 28. Juni 1940, nach der Niederwerfung Frankreichs, überreichte Msgr. Maglione dem deutschen, britischen und italienischen Botschafter beim Heiligen Stuhl folgende Note:
"Tief besorgt in Voraussicht der unzähligen Todesopfer und der nicht wiedergutzumachenden Verheerungen, zu denen das - nunmehr nahe bevorstehende - Wiederaufflammen der Kriegshandlungen führen wird, möchte Heiliger Vater - aus eigener Initiative und in der alleinigen Absicht, sein äußerstes für die Rettung der Menschheit und der Zivilisation aufzubieten, überzeugt, daß ein gerechter und ehrenvoller Friede im Wunsche der Völker liege und daß die Verlängerung des Krieges leicht weitere Kämpfe und Krisen nach sich ziehen könnte - sich an Regierungen Deutsch-
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land, England und Italien wenden mit der Bitte, die Wege der gemeinsamen Verständigung zu versuchen, um zu einer Beendigung des Konflikts zu gelangen. S. Heiligkeit wünscht jedoch vor Einleitung dieses Schrittes, daß Ew. Exzellenz Ihre Regierung vertraulich befragen, welche Aufnahme eine derartige Aufforderung des Papstes bei ihr finden könnte [240]."
Am 19. Juli machte Hitler Großbritannien in einer großen Reichstagsrede ein offizielles Friedensangebot. Wie er darin erklärte, habe er weder den Wunsch, Großbritannien zu vernichten, noch die geringste Absicht, das britische Kolonialreich anzutasten. Als Antwort darauf verkündete Lord Halifax am 21. Juli in einer Rundfunkansprache: "Wir werden weiterkämpfen, bis die Freiheit gesichert ist [241]."
Am 26. Juli teilte von Weizsäcker, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt, dem Nuntius Orsenigo die Antwort des Reiches auf die Botschaft Pius' XII. mit:
" . . . Wir glaubten schon seit einiger Zeit über eine Antwort aus London auf die Sondierung der Kurie in der Friedensfrage so weit unterrichtet zu sein, daß die englische Haltung als eine negative betrachtet werden müsse.
Die deutsche Äußerung zu der Sondierung der Kurie sei nun ja faktisch mit der Rede des Führers vom 19. d. M. gegeben. Die Antwort von Lord Halifax in seiner Radioansprache vom 21. bestätige vollauf unsere Ansicht von der Halsstarrigkeit der britischen Regierung. Offenbar wolle England eben den Krieg, den es dann mit all seinen Schrecken haben würde [242]." Der Nuntius bemerkte daraufhin, "nun sei eben wohl nichts mehr zu wollen. Zur Eheschließung gehörten immer zwei [242]."
Pius XII. sah infolgedessen von einer offiziellen Intervention ab.
6. Paul Duclos macht uns mit Angaben bekannt, die ihm die Familie des verstorbenen Dr. Domenico Russo, der erklärter Antifaschist und Präsident des italienischen Befreiungskomitees war, mitgeteilt habe. Russo, ein leidenschaftlicher Kämpfer für den Frie-
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den, war befreundet mit Francesco Nitti, Msgr. Maglione und einer (nicht namentlich erwähnten) Persönlichkeit aus der Umgebung Hitlers. Diesen Auskünften nach sollen sich Msgr. Maglione und Dr. Domenico Russo im August 1942 einig geworden sein, daß man es vielleicht bei Hitler durchsetzen könnte, einer Initiative des Papstes zugunsten einer Einstellung der Kampfhandlungen und einer allgemeinen Konferenz zuzustimmen. Russo habe daraufhin Erkundigungen eingezogen, und im Oktober habe ihm jene nicht näher bezeichnete Persönlichkeit im Auftrage Hitlers für den Heiligen Stuhl folgende Auskunft erteilt: "Trotz des mir seitens des Papstes zugefügten Unrechts bin ich, wenn der Papst sich für den Frieden einsetzen will, bereit, mich mit dem Heiligen Stuhl ins Einvernehmen zu setzen." Bevor jedoch die Antwort des Vatikans erfolgt sei, habe die Landung der Amerikaner in Nordafrika am 8. November 1942 alles wieder in Frage gestellt. Dr. Russo habe seine Bemühungen über die Schweiz und später über Portugal wiederaufgenommen. Dort sei es ihm über einen seiner Freunde gelungen, mit dem Foreign Office in Verbindung zu treten, das ihm am 22. Juni 1943 die folgende Antwort habe zuteil werden lassen: "Wenn der Staatssekretär des Heiligen Stuhls an unseren dortigen Gesandten, Sir Osborne, die Frage richtet, ob England bereit sei, eine päpstliche Vermittlung anzunehmen, wird Sir Osborne beauftragt sein, die Anfrage zu bejahen". Dr. Russo soll jedoch erst am 10. Juli 1943, dem Tag, an dem die Alliierten in Sizilien landeten, nach Rom zurückgekehrt sein. "So kommt es", fügt Duclos hinzu, "daß der britische Gesandte Sir Osborne, als Kardinal Maglione ihm die vereinbarte Frage stellt, antwortet, die Weisungen, die er erhalten hätte, seien nicht mehr gültig [243]."
Was soll man von all dem halten? Es ist sicher, daß Pius XII. ein nicht weiter präzisiertes Ersuchen Hitlers, Schritte "zugunsten einer Einstellung der Kampfhandlungen und einer allgemeinen Konferenz" zu unternehmen, nur hätte ablehnen können, indem er sich zu allen seinen früheren Äußerungen in Widerspruch setzte. War ein solcher Vorschlag von Hitler geplant, und hat er ihn so formuliert, daß Dr. Russo daraufhin seine Bemühungen bis zu der
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Frage Msgr. Magliones an Sir Osborne gehen ließ? Möglich ist es, aber nicht sicher: Es gibt keinerlei Bestätigung hierfür außer den Memoiren des Chefs der deutschen Abwehr, Schellenberg [244], in denen ohne irgendwelche Namensnennungen von Friedensverhandlungen mit den Alliierten berichtet wird, die durch die Vermittlung der Schweiz, des Vatikans und Portugals geführt worden seien und denen sich auch Himmler angeschlossen habe, die jedoch auf Grund der Landung der Amerikaner in Nordafrika am 8. November 1942 sowie der der Engländer und Amerikaner in Sizilien am 10. Juli 1943 gescheitert seien. Handelt es sich um die gleichen Verhandlungen? Auf alle Fälle scheinen die letzteren ohne Wissen Hitlers geführt worden zu sein, und wenn dieser nun seinerseits die gleichen Personen die gleichen Schritte hätte unternehmen lassen, dann müßte man zugeben, daß er in eine Falle gegangen wäre.
Alle diese Zusammenhänge sind sehr dunkel. Sie könnten, falls die Auskünfte, die Paul Duclos von der Familie Dr. Domenico Russos gegeben wurden, zutreffend sind, allerhöchstens eine Vermittlungsbereitschaft des Heiligen Stuhls bezeugen, die auf diplomatischer Ebene jedoch keinerlei Folgen hatte.
7. Es sei hier ferner, wenn auch nur als Randbemerkung, auf ein Schriftstück hingewiesen, das im Falle seiner Echtheit einen Friedensvorschlag Hitlers im März 1943 bezeugen würde: die Protestnote gegen die Verhaftung der römischen Juden, die der österreichische Rektor von Santa Maria dell'Anima, Msgr. Hudal, der ein offiziöser Mittelsmann des Vatikans und demzufolge in die geheimsten Dinge eingeweiht war, am 16. Oktober 1943 an den Militärkommandanten von Rom, General Stahel, richtete. In dieser Note heißt es: "Das Reich wird in Kürze für bestimmte Missionen die Hilfe des Vatikans in Anspruch nehmen müssen. Bereits im März wurden Schritte in dieser Richtung unternommen. Es wäre für die Frage des Friedens sehr schade, wenn es auf Grund dieser Judenverfolgung (durch eine Verstimmung des Vatikans) zu einer Meinungsverschiedenheit zwischen dem Vatikan und dem Reich kommen sollte [245]."
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Die Echtheit dieser Note wird durch Hochhuth verbürgt, der das Schreiben in seinem Stellvertreter anführt. Sie wird meines Wissens von niemandem bestritten. Wenn man jedoch auf die Quellen zurückgeht, stellt man fest, daß lediglich ein beim Vatikan akkreditierter Journalist, Montefiore, die Note in einem - wie Duclos sagt, noch unveröffentlichten - Manuskript erwähnt. Als Garantie für die Echtheit ist das ziemlich dürftig. Und falls die Note trotz allem authentisch ist, bezeugt sie lediglich eine Demarche Hitlers beim Vatikan, der dieser in keiner Weise stattgab.
8. Schließlich sei noch ein letzter diplomatischer Schritt erwähnt, mit dem F. W. Deakin [246] den Vatikan in Verbindung bringt und der so, wie er von jenem Verfasser dargelegt wird, kaum authentisch sein dürfte. Wie F. W. Deakin sagt, seien im Juli 1943 in den politischen Kreisen Italiens viele der Ansicht gewesen, daß der Augenblick gekommen sei, sich um eine politische Lösung für den Krieg zu bemühen, da ihnen jede militärische Lösung ausgeschlossen schien. Das stimmt, denn auch Graf Ciano gehörte zu ihnen, wie aus seinen Tagebüchern hervorgeht. Daß der Duce, wie Deakin hinzufügt, einer derartigen Lösung nicht ablehnend gegenübergestanden habe, selbst wenn sie nur auf eine Trennung Italiens von Deutschland abzielte, ist trotzdem zweifelhaft - mehr als zweifelhaft. Im folgenden sei der zeitliche Ablauf dieser Demarche gezeigt:
Am 17. Juli soll Bastianini, Mussolinis Unterstaatssekretär im Außenministerium, Msgr. Maglione aufgesucht haben, um ihm ein Memorandum zu überreichen, in dem die Situation Italiens gegenüber Deutschland und der Achsenmächte gegenüber den Alliierten im Kriege dargelegt worden sei und das zum Ziel gehabt habe, den Vatikan zu Sondierungen bei den Alliierten zu veranlassen, um ihre Absichten bezüglich Italiens in Erfahrung zu bringen. Da er mit der Zustimmung des Duce rechnete, hoffte er einen Emissär zu den Engländern entsenden zu können. Seine Wahl sei auf den römischen Bankier Luigi Fummi gefallen, der Beziehungen zu dem Pierpont-Morgan-Konzern hatte und Vermögensverwalter des Vati