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Was nun, Odysseus?

Zur Bewältigung der Vergangenheit

 

Paul Rassinier

1960 -- Verlag Karl Heinz Priester - Wiesbaden

 


Inhaltsverzeichnis

  Seite
Einleitung 7
I. Historische Wahrheit oder politische Wahrheit? 13
II. Ein Briefwechsel 35
  1. Die Einladung 35
  2. Die Antwort des Herrn Kogon 37
  3. Meine Antwort 41
III. "Der Lagerkommandant von Auschwitz spricht ..." 55
IV. Gaskammern und Vergasungen 69
Anhang: Drei Stimmen zum Fall Eichmann 99


Einleitung

Die in diesem kleinen Buch zusammengefaßten Aufsätze sind nicht unter gleichen Bedingungen, nicht zur selben Zeit und nicht für eine und dieselbe Zuhörerschaft bzw. Leserschaft niedergeschrieben worden. Es fehlt ihnen daher jene Einheitlichkeit, die man von einer wissenschaftlichen Abhandlung erwarten darf. Der Leser wird feststellen, daß diese oder jene Tatsache zweimal - oder sogar dreimal - erwähnt wird, jedesmal gefolgt von derselben Überlegung und derselben Schlußfolgerung.

Es wäre durchaus möglich gewesen, diesen Mangel zu beheben; ich hätte nur die Wiederholungen zu streichen brauchen oder die ganzen Teile zusammenfassen und überarbeiten können, um diese Zusammenfassung dann als neues Kapitel in eine gleichfalls gestraffte Neuausgabe der "Lüge des Odysseus" einzufügen. Aber es hätte die Gefahr bestanden, daß rücksichtslose Gegner unserer Thesen die früheren Fassungen hervorholten - obwohl nur Unterschiede in der Form der Darstellung, keine im Inhalt nachzuweisen wären - um dann zu versuchen, in der Öffentlichkeit den Eindruck zu erwecken, als hätte ich meine Thesen und meine Schlußfolgerungen revidieren müssen.

Nun habe ich die beiden Teile meines Buches "Die Lüge des Odysseus" in den Jahren 1948 und 1950 verfaßt, wobei ich nur das wenig umfangreiche Tatsachenmaterial zur Verfügung hatte, das bis dahin veröffentlicht worden war, und doch kann ich heute feststellen, daß ich nicht nur an meiner damaligen Deutung nichts habe zu ändern brauchen, sondern daß die seitherigen Publikationen die Richtigkeit meiner Thesen schlagend bewiesen haben.

Ich habe mich daher für das kleinere Übel entschieden, - und wenn man meiner Arbeit demzufolge auch in literarischer Hinsicht einige Mängel vorwerfen kann, so hat die von mir gewählte Form der Veröffentlichung dafür doch große Vorteile: erstens wird klar ersichtlich, daß meine ursprüngliche Auffassung sich in allen Teilen bewahrheitet hat, und zweitens zeigt sie, warum diese Konzeption zehn Jahre überdauern konnte, ohne daß es nötig wurde, auch nur den geringsten Abstrich vorzunehmen.

Der Grund, aus dem ich die jetzt vorliegende Ergänzung herausbringe, ist der, daß sich in der allerletzten Zeit Dinge ereignet haben, die den Kern unseres Problems betreffen.

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Die deutsche Ausgabe meines Buches "Die Lüge des Odysseus" ist inzwischen erschienen und ist hier, wenn man nach den bisherigen Verkaufsziffern urteilen darf, recht gut angekommen. Weniger herzlich allerdings wurde sie von Herrn Eugen Kogon begrüßt, wie man aus dessen Brief und aus meiner Antwort ersehen kann, die sich beide hier abgedruckt finden.

Aber die wichtigsten Ereignisse sind die neue Verhaftungswelle in der Bundesrepublik, die Festnahme Adolf Eichmanns durch den israelischen Geheimdienst sowie die Prozesse, die in allernächster Zeit in Deutschland und anderswo stattfinden werden.

Es läßt sich nicht leugnen, daß der Nürnberger Prozeß bei den bundesdeutschen Behörden einen Freud'schen Komplex ausgelöst hat, der sie seit nunmehr fünfzehn Jahren bedrängt, und der sich vor allem in der Angst äußert, die Weltöffentlichkeit könnte ihnen gewisse Neigungen zu einem revanchistischen Militarismus, eine Schwäche gegenüber antijüdischen Hetzern unterstellen und könnte sie für die Komplizen jener mehr in der Einbildung als wirklich vorhandenen Überreste des Nationalsozialismus halten.

Diesen Komplex weiß die Sowjetzone - glänzend beraten durch Moskau - mit großem Geschick für ihre Zwecke auszunützen: in regelmäßigen Abständen bringen die Zeitungen Pankows Namenslisten von Leuten, die im Dritten Reich führende Posten in der Verwaltung, der Wehrmacht oder der Regierung innegehabt haben sollen, und die aus diesem Grunde der Kriegsverbrechen beschuldigt werden. Und unverzüglich schreiten die bundesdeutschen Gerichte zur Untersuchung oder gar Verhaftung. Nicht einmal der Fall Oberländer hat die Augen darüber geöffnet, daß in den Listen neben bedeutenden Persönlichkeiten des jetzigen Westdeutschland zwar eine Anzahl ehemaliger einfacher Soldaten, Unterführer und kleiner Leute aus der NS-Verwaltung aufgeführt wird, daß diese Veröffentlichungen sich aber vor allem gegen die erstgenannten jetzt führenden Persönlichkeiten richten.

Was Moskau in Wahrheit erstrebt, ist nichts anderes als die Desorganisation des gesamten politischen Lebens, der gesamten Verwaltung und Wirtschaft der Bundesrepublik; und es wird keine Ruhe geben, solange es die Regierung der Bundesrepublik nicht fertig bekommt, alle ihre hohen Beamten und alle führenden Männer der Wirtschaft ins Gefängnis zu werfen. Es hat sich bisher noch niemand überlegt, daß, wie die Statistiken zeigen, praktisch 92 % der ganzen Vorkriegswählerschaft in Ost und West Hitler gewählt haben, - daß also nur sehr wenige Leute sich der Kollektivpsychose haben entziehen können, und daß demzufolge Mittel- wie Westdeutschland nach dem Kriege nicht anders verwaltet werden können als von Leuten, die in Mehrheit Hitler unterstützt haben.

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Man weiß, daß das in Mitteldeutschland der Fall ist. Der Beweis dafür ist lange erbracht. Aber es werden keine Namenslisten veröffentlicht. Und wenn man sich dazu entschließen sollte, sie zu veröffentlichen, so würde Pankow sich nicht darum kümmern. Es weiß schon, was es tut.

Auf die Veröffentlichung der jüngsten Liste Pankows hin - im Februar/März 1960 - jener Liste, auf der Minister Oberländer stand -, hat sich das Bonner Parlament mit der Angelegenheit befaßt und hat dann im Mai das folgende Kommuniqué veröffentlicht:

"Bonn, den 24. Mai 1960 (Agence France Presse) - In einer Bundestagsdebatte hat der Bundesjustizminister einige Angaben gemacht über die Kriminalfälle, deren Unterlagen augenblicklich den zuständigen Gerichtsbehörden zugeleitet werden. Er hat zum Beispiel die folgenden Fälle erwähnt, die den Staatsanwälten der Länder übergeben werden:

 1.  dem Generalstaatsanwalt in Frankfurt/Main den Fall Auschwitz (900 Angeklagte),
 2.  dem Generalstaatsanwalt in Bonn den Fall des Vernichtungslagers Chelmo bei Posen (60-70 Angeklagte),
 3.  dem Bundesstaatsanwalt in Düsseldorf den Fall des Vernichtungslagers Treblinka im Raum Warschau (etwa 40 Angeklagte),
 4.  dem Generalstaatsanwalt in München den Fall des Vernichtungslagers Belzec (Polen) (10 Angeklagte),
 5.  dem Generalstaatsanwalt in Hamburg den Fall der Judenerschießungen in Riga (120 Angeklagte),
 6.  dem Generalstaatsanwalt in Frankfurt/Main den Fall der Judenerschießungen in Litauen (70 Angeklagte)."

Insgesamt: 1200 Angeklagte mit einem Schlage!

Seit fünfzehn Jahren hört man nun jede Woche, manchmal jeden Tag von gerichtlichen Untersuchungen, die eingeleitet werden, um dann zum Teil ergebnislos zu verlaufen, zum Teil zu Verhaftungen und Verurteilungen zu führen. Ich frage mich aber, ob man eine Aktion, die solche Ausmaße annimmt, daß sie nach und nach ein ganzes Volk in ihren Bann zieht, noch als Form der ausgleichenden Gerechtigkeit bezeichnen kann.

Man möge mich richtig verstehen: wahrscheinlich haben diese Menschen tatsächlich irgend etwas mit den in dem Kommuniqué genannten Fällen zu tun gehabt. Es ist auch klar, daß die Nachwelt wissen muß, was sich in Wirklichkeit in allen Lagern abgespielt hat. Diese Menschen werden also vernommen werden müssen, um einen historisch bedeutsamen Punkt aufzuhellen. Man muß sie also als Zeugen vernehmen,

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nicht als Angeklagte, weil eine Vernehmung von Angeklagten, die eine Bestrafung zu erwarten haben, der sicherste Weg ist, niemals Klarheit zu gewinnen.

Man weiß, was in Nürnberg geschah: da das Geständnis generell als die beste Verteidigung angesehen wurde, hat jeder - abgesehen von den starken Persönlichkeiten des Nazi-Regimes, die "en bloc" alles abgestritten haben, - praktisch alles gestanden, was man von ihm verlangte und hat, soweit wie nur möglich, die Umstände ausgenutzt, um alle Schuld den Toten und den Abwesenden aufzubürden. Und es scheint mir klar, daß die jetzt anlaufenden Prozesse einfach kein anderes Ergebnis zeitigen können. Wenn man das will ... Bei einer Vernehmung von Zeugen aber - also wenn die Vernommenen keine Bestrafung zu befürchten haben - besteht große Aussicht, endlich die ganze Wahrheit ans Licht zu fördern.

Sind diese Leute nun wirklich so schuldig? Ich frage mich das immer wieder und komme immer wieder zum gleichen Schluß, zu dem meines Erachtens der gesunde Menschenverstand zwingend führt: daß nämlich die Errichter, nicht die Bewachungsmannschaften der Lager die Verantwortung tragen für die abscheulichen Dinge, die sich in jener düsteren Welt abgespielt haben. Und wenn diese Schlußfolgerung heutzutage noch nicht wieder als unwiderlegbare Wahrheit gilt, so nur infolge des Nürnberger Prozesses.

Aber hier gilt es nur, Geduld zu üben. Das Nürnberger Gericht hatte zwei neue Begriffe in das internationale und das bürgerliche Recht eingeführt: die Kollektivverantwortung und das Kriegsverbrechen. 1953 ist die Kollektivverantwortung wieder verworfen worden dank den Bemühungen gewissenhafter Juristen, vor allem des großen französischen Rechtsgelehrten Professor Raymond Geouffre de la Pradelle. Bald wird man entdecken, daß die Schaffung des Rechtsbegriffes "Kriegsverbrechen" nur gewisse, während des Krieges begangene Handlungen als Rechtsbruch gelten läßt, während der Krieg selbst nicht als Verbrechen anzusehen wäre. Nun meine ich, daß keine Tat von einer so abscheulichen Unsittlichkeit ist wie der Versuch, den Krieg auf diesem Umwege zu legitimieren. Und es scheint mir über jeden Zweifel erhaben, daß die Zeit nicht mehr fern ist, wo diese Ungeheuerlichkeit von allen als solche erkannt wird.

Das ist offensichtlich nicht die Sprache der Juristen. Diese belasten sich nicht mit humanitären Erwägungen: sie kennen nur ihre Tradition, die sie unaufhörlich in ihren äußerst geraden und unangreifbar logischen Beweisführungen zitieren. Die Juristen brauchen nur einen einzigen ihrer traditionellen Grundsätze, um den Nürnberger Prozeß in die Greuelkammer der Geschichte zu verbannen. Der Grundsatz heißt:

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"Nulla poena sine lege" (Keine Strafe ohne Gesetz). Es ist das älteste juristische Prinzip. Bis zum Nürnberger Prozeß hatten sich nur Gewaltherrscher gegen diesen Grundsatz vergangen. In Nürnberg ist er dann von den Demokratien verletzt worden.

Das bedeutet, daß es eines Tages einen neuen großen Prozeß geben wird, in dem man sicher nicht die Verurteilten von Nürnberg rehabilitieren wird, wo man aber die Ankläger von Nürnberg anklagen und verurteilen wird: wer das Schwert aufnimmt, wird durch das Schwert umkommen, sagt die Bibel. Hier aber wird es sich nicht um den Prozeß des Schwertes gegen das Schwert handeln, sondern um den des Geistes gegen das Schwert, einen Prozeß, den man mit dem Wort Napoleons eröffnen wird: "Möge der Geist das Schwert besiegen!"

Denn die Historiker sind anspruchsvoller als die Juristen. Die ersteren stützen sich ja auf die Wahrheit, auf ein Gut also, das einen nahezu absoluten Wert besitzt - nicht auf eine Tradition, die immer nur bedingte Wahrheiten widerspiegeln kann. Aus dem Grunde zeigen die Historiker auch weniger Interesse für die juristischen Erwägungen über die Umstände, unter denen Eichmann vom israelischen Geheimdienst festgenommen wurde. Die Historiker sehen hier vor allem eine einmalige Gelegenheit, Licht in die Frage der Konzentrationslager und in die Frage zu bringen, ob mit der Verschleppung tatsächlich die Vernichtung eines Volkes beabsichtigt war oder nicht: man hat den Leiter und 1200 seiner Untergebenen in der Hand; hier könnte uns eine allgemeine Gegenüberstellung in einer nicht-politischen Atmosphäre der historischen Wahrheit einen Riesenschritt näher bringen.

Es läßt sich allerdings nicht leugnen, daß eine solche Gegenüberstellung weder von der deutschen noch von der israelischen Regierung beabsichtigt ist, noch von den Vertretern der anderen Länder der Vereinten Nationen.

Es läßt sich ebensowenig leugnen, daß es beim heutigen Stand der Dinge überhaupt nicht möglich ist, die Entschlüsse der Regierungschefs der Welt in dieser Hinsicht zu beeinflussen.

Darum war ich der Meinung, die wesentlichen zur Diskussion stehenden Punkte - schon gesammelt in meinem Buch "Die Lüge des Odysseus" - hier so genau wie möglich darlegen zu müssen, um eine erste Grundlage für das kommende Gespräch zu schaffen.

Der Leser wird entschuldigen, daß ich die Meinung zweier israelischer Persönlichkeiten und die des großen französischen Rechtsgelehrten, Herrn Professor Geouffre de la Pradelle, anführe; diese Äußerungen sind meines Erachtens der Ermittlung der historischen Wahrheit dienlich.

1. Juli 1960

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ERSTER TEIL

Historische Wahrheit oder politische Wahrheit? [1]

Über unser heikles Thema gibt es eine - sagen wir - offizielle Ansicht. Daneben aber gibt es die geschichtliche Wahrheit. Leider sehen sich die offizielle Ansicht und die geschichtliche Wahrheit nicht ähnlich! Ich brauche wohl nicht besonders zu betonen, daß die offizielle Ansicht für mich kein Gewicht besitzt: sie ist eine politische Wahrheit.

Nach dem Kriege - nach allen Kriegen - ist die politische Wahrheit Alleinbesitz des Siegers. Ich bin kein Mann der Politik und noch weniger ein Sieger: ich spreche als Historiker und suche daher nur die geschichtliche Wahrheit, jene Wahrheit, die Jahrhunderte überdauert und sich immer gleich bleibt. Um diese Wahrheit zu ergründen, muß man leidenschaftslos, aber sachlich alles prüfen; wie in einer Universität.

Über die deutschen KZ's hat man drei Dinge behauptet:

 1.  Deutschland hätte sie erfunden: das ist nicht wahr;
 2.  In diesen KZ wären Greueltaten einer solchen Grausamkeit begangen worden, wie es sie bisher in der Weltgeschichte nicht gegeben hätte: das ist nicht wahr;
 3.  Das deutsche Volk trüge die Schuld für diese Greuel: das ist auch nicht wahr!

*         *
*

Erstens: Deutschland hat die KZ's nicht erfunden !

Es wäre für mich einfach, nur zu erklären, daß in Rußland seit 1927 und in Frankreich seit 1938 KZ's errichtet worden sind. Ich möchte hier aber lieber eine kleine Begebenheit aus meiner eigenen Erfahrung erzählen: als ich im KZ Dora ankam, wurde ich - ich erinnere mich noch sehr gut daran - mit den folgenden scharfen Worten empfangen: "Aha, die Franzosen! Na, jetzt wißt ihr auch, was ein Lager ist. Schadet euch nichts! Hier wird man es euch schon beibringen!" Es waren die Spanier, die die KZ's der Regierung Daladier in Frankreich nicht vergessen hatten.


[1] Vortrag, der in 15 westdeutschen Städten und in Wien in der Zeit vom 24. März 1960 bis 8. April 1960 verlesen wurde.

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Von den russischen KZ's weiß man heute, daß sie noch schlimmer als die deutschen waren: das wurde besonders durch das Buch der Margarete Buber-Neumann bekannt. Man weiß heute auch, daß Frankreich in Algerien mehrere KZ's errichtet hat, die ebenso schlimm sind wie die deutschen: das sind geschichtliche Tatsachen; aber gleichzeitig ist es ein geschichtliches Problem.

Schon lange vor Christi Geburt kannten die Ägypter nur dieses Mittel, um die Juden unschädlich zu machen - und Babylon erlebte seinen wunderbaren Aufstieg nur durch die Zusammenfassung seiner Arbeitssklaven in Lagern. Auch die Engländer griffen zu diesem Mittel gegenüber den unglücklichen Buren, und Napoleon III. errichtete 40 Jahre vor ihnen das Lager Lambessa.

Darüber werden Sie in meinem Buche "Die Lüge des Odysseus" mehr lesen können oder vielleicht schon gelesen haben. Sie werden dort auch lesen können, daß die KZ's bei allen Völkern ebenso schrecklich waren wie die in Deutschland, die in Rußland und in Algerien: es war und ist immer derselbe Mechanismus ohne wesentliche Unterschiede.

Während der deutschen Besatzung gab es in Frankreich eine Vereinigung der Familien der Verschleppten und der politischen Internierten. Wenn sich eine Familie an das Büro dieser Vereinigung wandte und um Aufklärung bat über das Schicksal ihres verschleppten Angehörigen, erhielt sie von einer hohen deutschen Behörde den nachfolgenden Bericht [2]:

"Lager Weimar. - Das Lager liegt 9 km von Weimar entfernt und ist durch eine Eisenbahn mit der Stadt verbunden. Es befindet sich in einer Höhe von 800 m ü. d. M.

Es ist umgeben von drei konzentrischen Stacheldrahtzäunen. Innerhalb des inneren Zaunes liegen die Baracken der Gefangenen, zwischen dem ersten und dem zweiten die Fabriken und Werkstätten, in denen Zubehörteile für Rundfunkgeräte sowie Maschinenteile hergestellt werden.

Zwischen der zweiten und der dritten Umzäunung liegt ein unbebautes Gelände, dessen Abholzung zur Zeit zu Ende geht. Hier wird eine Lagerstraße und das Geleise einer Kleinbahn gebaut. Der innere Stacheldrahtzaun ist elektrisch geladen und mit unzähligen Beobachtungstürmen versehen, auf denen sich immer je drei bewaffnete Männer befinden. Am zweiten und dritten Zaun gibt es keine Posten, aber bei den Fabriken liegt eine Kaserne der SS;


[2] Meines Wissens ist dieser Bericht nur von Jean Puissant in seinem Buch "La Colline sans oiseaux" (= Der Hügel ohne Vögel) angeführt worden. Das Buch, eine ehrliche und genaue Monographie, die beste Zeugenaussage, die über die KZ's geschrieben wurde, erschien 1945 bei den "Editions du Rond-Point", Paris.

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nachts machen SS-Männer hier und im äußeren Kreis Rundgänge mit Hunden.

Das Lager hat eine Ausdehnung von etwa 8 km und beherbergt etwa 30 000 Insassen. Zu Beginn des nationalsozialistischen Regimes waren hier politische Gegner interniert. Von den Insassen besteht die Hälfte aus Franzosen, die Hälfte aus Angehörigen anderer Nationen: antinationalsozialistische Deutsche, die aber die deutsche Staatsangehörigkeit behalten haben und die Mehrheit der Blockältesten stellen; Russen, unter ihnen Offiziere der Roten Armee; weiter Ungarn, Polen, Belgier, Holländer usw.

Die Lagerordnung ist folgende:

4.30: Aufstehen. Waschen mit entblößtem Oberkörper unter Aufsicht. Das Waschen ist Pflicht.

5.30: 0,5 Liter Suppe oder Kaffee mit 450 g Brot (manchmal gibt es weniger Brot, dafür dann aber reichlich Kartoffeln guter Qualität); 30 g Margarine, eine Scheibe Wurst oder ein Stück Käse.

12.00: Kaffee.

18.30: einen Liter gute dicke Suppe.

Um 6 Uhr morgens Abmarsch zur Arbeit. Das Antreten erfolgt gruppenweise, je nach der Arbeitsstätte: Fabrik, Straßenbau, Waldarbeit usw ... Die Männer jeder Gruppe stellen sich Arm in Arm in Fünferreihen auf, damit eine gute Ausrichtung und eine gute Übersichtlichkeit gewährleistet sind. Dann erfolgt der Abmarsch hinter der Musikkapelle (bestehend aus 70 bis 80 Häftlingen in Uniform: rote Hose, blauer Rock mit schwarzen Aufschlägen).

Der Gesundheitszustand im Lager ist sehr gut. Er untersteht einem Verschleppten, Herrn Prof. Richet. Ärztliche Visite täglich. Es gibt zahlreiche Ärzte, eine Krankenstube und ein Krankenhaus wie bei einem Regiment.

Die Internierten tragen die Kleidung der deutschen Strafgefangenen, hergestellt aus einem verhältnismäßig warmen Kunsttuch. Die Unterwäsche wird bei Ankunft im Lager desinfiziert. Es gibt je zwei Mann eine Decke.

Es gibt keine Kirche im Lager. Unter den Internierten befinden sich aber zahlreiche Geistliche, die jedoch im allgemeinen verschwiegen haben, daß sie es sind. Diese sammeln die Gläubigen zu Gesprächen, zum Beten des Rosenkranzes usw ...

Freizeit. - Vollkommene Freizeit gibt es im Lager am Sonntagnachmittag. Der Sonntagabend wird angenehmer gestaltet durch

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eine aus Häftlingen bestehende Laienbühne, die Theaterstücke aufführt, Kinovorstellungen: ein oder zwei Mal in der Woche (deutsche Filme), Rundfunk: in jeder Baracke (deutsche Wehrmachtsberichte). Die Häftlingskapelle bringt schöne Konzerte. Alle Gefangenen sind sich darüber einig, daß es ihnen in Weimar besser geht als in Fresnes oder in den französischen Gefängnissen. Wir möchten den Familien der Internierten noch mitteilen, daß der alliierte Bombenangriff auf die Fabriken in Weimar keine Opfer unter den Internierten gefordert hat.

Schließlich sei noch gesagt, daß die Mehrzahl der Züge, die Compiègne und Fresnes im August verlassen haben, nach Weimar geleitet worden sind."

Vor dem Nürnberger Gericht haben mehrere Angeklagte diesen Text zitiert. Der Bericht gab aber nur die Theorie wieder; in Wirklichkeit lebten wir völlig anders. Ich möchte Ihnen für diesen Unterschied zwischen Theorie und Praxis eine Erklärung geben, die Sie sofort verstehen werden:

Die Geschichte von der Mondfinsternis, die man in den Kasernen Frankreichs erzählt, wird sich hier in Deutschland nicht viel anders abspielen: Der Oberst sagt eines Tages zum Major, daß eine Mondfinsternis stattfinden wird, und daß die Vorgesetzten diese Erscheinung von allen Soldaten beobachten lassen und sie ihnen erklären sollen. Der Major gibt den Befehl an den Hauptmann weiter, und schließlich gelangt er durch den Gefreiten in folgender Form an die Soldaten: "Auf Befehl des Herrn Obersten findet heute abend um 23 Uhr eine Mondfinsternis statt. Alle, die nicht an ihr teilnehmen, erhalten vier Tage Arrest."

So ähnlich entwickelten sich auch die KZ's. In Frankreich hatte die demokratische Regierung Daladier (1938) sich das Lager Gurs für die Spanier ausgedacht und gleichzeitig auch die Lagerordnung festgelegt: die Ausführung dieser Bestimmungen wurde dann Gendarmen anvertraut, die leider nur über begrenzte interpretatorische Fähigkeiten verfügten.

Der nationalsozialistische Staat hat die deutschen KZ's gegründet, hat die dort zu herrschende Lagerordnung bestimmt und hat die Verwirklichung dann in die Hände der "Tschauchs" gelegt, in die Hände alter unausgebildeter Arbeitsscheuer, die man zu dem Zweck unter den Lagerinsassen ausgesucht hatte.

In den deutschen KZ's waren diese "Tschauchs" - die aus unserer Mitte ausgewählt waren - unser größtes Unglück. Sie bildeten einen Apparat: die Häftlingsführung, auf die ich später noch zu sprechen komme.

Margarete Buber-Neumann sagt, daß es in Rußland (Karaganda) dasselbe war. In Italien unter Mussolini (auf den Liparischen Inseln) gleich-

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falls, auch in Spanien (Miranda), in Griechenland nach dem Kriege (Makronissos), in den französischen Nachkriegslagern für Pétainisten (La Noé, Carrère usw.) und heute in Algerien, wo es mehr als hundert Lager gibt.

Zu diesem Punkte darf ich abschließend also wohl sagen, daß es in allen Ländern irgendwann in ihrer Geschichte KZ's gegeben hat, welche Regierungsform diese Länder zu der Zeit auch besaßen - und daß es noch immer KZ's gibt. Man muß noch hinzufügen, daß alle diese Lager genau so schrecklich waren oder sind, wie es die in Deutschland waren.

Warum aber wurde nur Deutschland angeklagt, und warum wird es auch weiterhin als einziges Land angeklagt? Das ist die Frage, die allergrößte Frage unserer Zeit! Ich werde am Ende meines Vortrages darauf antworten. Vorher aber will ich das Problem der Greuel in den deutschen KZ's erörtern und die Frage, wer schuld ist an diesen Greueln. Das ist der zweite Punkt meiner Vorlesung.

*         *
*

Die Frage der Greuel und die Frage nach den Schuldigen sind untrennbar. Und nun werde ich Sie vielleicht in Erstaunen setzen: diese Greuel will ich nicht vor Ihnen beschreiben. Sie haben schon sehr viel, sicher schon zu viel darüber gehört. Daher möchte ich Sie bitten, jetzt nur eines zu behalten: es ist viel Wahres an allem, was man über diese Greuel berichtet, es wird aber auch stark übertrieben. Man muß mit dem Komplex der "Lüge des Odysseus" rechnen, der Neigung aller Weitgereisten, ihre Erlebnisse zu übertreiben. Diesen Komplex haben alle Menschen und infolgedessen auch die Internierten. Die Menschen brauchen das Wunderbare, im Häßlichen wie im Schönen. Jeder der Internierten hoffte und wünschte, aus dem Abenteuer mit einem Heiligenschein, mit dem Ruhm eines Helden oder eines Märtyrers heimzukehren. Und jeder schmückte seine Odyssee noch aus, ohne sich zu überlegen, daß die Wirklichkeit an sich schon reichlich genügte. Aus diesen Übertreibungen des Odysseus, die man ruhig als gemäßigt und naiv bezeichnen darf, hat man in alten Zeiten ein schönes, unvergängliches Epos geschaffen. Mit den häßlichen Übertreibungen der Internierten macht man aber heute Politik. - Das ist nicht dasselbe! Das ist wesentlich trauriger und gefährlicher!

Das Problem der Schuld an den Greueln ist - geschichtlich, nicht moralisch - wichtiger als die endlosen Reden darüber, ob es 4 oder 46 Krematorien in Auschwitz gab, und ob es 2 Millionen Opfer gegeben hat - wie ein vor kurzem erschienenes Buch sagt - oder 6 Millionen - wie man bisher behauptet hat - oder 9 Millionen - wie noch heutzutage einige Zeitungen in der Welt verkünden - oder 45 Millionen - wie ein unga-

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rischer Kommunist erklärt hat. Dazu haben Zeugen die unwahrscheinlichsten Berichte gegeben, besonders über Vorgänge, die sie nicht selber gesehen haben. Es gibt eine Riesenmenge von Schwätzern, die sich alle widersprechen; wir aber sind verpflichtet, geschichtliche Klarheit zu schaffen.

In der Schuldfrage gibt es eine einleuchtende Wahrheit: das deutsche Volk als solches ist unschuldig - total unschuldig. Man hat ihm zwei Dinge vorgeworfen: es hätte die Regierung gewählt und nie gegen die Greuel protestiert.

Zu dem ersten Vorwurf ist zu sagen, daß kein Volk jemals seine Regierung bestimmt. In allen Staaten wird die öffentliche Meinung von den Zeitungen gemacht - und die großen Zeitungen gehören den Leuten, die das Geld haben. Unter diesem Aspekt gesehen wird eine Wahl sehr leicht zu einer Verfälschung des Volkswillens. Zu dem zweiten Vorwurf ist zu sagen, daß das deutsche Volk nie gewußt hat, was in den Lagern vor sich ging. Das wußte nicht einmal immer die am Tor der Lager Posten stehende SS!

Und wie ist es heute ? Auch das französische Volk weiß nicht, was in den algerischen Lagern vorgeht; es weiß nicht einmal, was in den französischen passiert.

Eine Schuld bleibt unbestritten: seit 1933 hat die deutsche Regierung KZ's bauen lassen und sie benutzt. Die Tatsache, daß Rußland, Italien, Griechenland, Spanien, England und Frankreich das gleiche taten, ist keine Entschuldigung für Deutschland. Aber umgekehrt können sich Rußland, Italien, Griechenland, Spanien, England und Frankreich nicht zu Richtern aufwerfen. Eins ist ja wohl klar: nur ein Land, das keine Lager gebaut hat, kann hier Richter sein!

Warum sind alle Lager in allen Ländern so schrecklich? Hier ist die Antwort: weil es einfach unmöglich ist, in einem Lager die Beachtung einer Ordnung durchzusetzen. Um das zu verstehen, muß man wenigstens wissen, wie so ein Lager verwaltet wird.

Die deutschen Lager wurden unter der Aufsicht der SS von den Häftlingen selbst verwaltet, und das erklärt alles. Die wirkliche Verwaltung des Lagers war die Häftlingsführung. Diese Häftlingsführung war überaus mächtig und stützte sich auf die SS, die dieser Gruppe auch immer half. E. Kogon, der Hauptzeuge für diese Dinge, sagt selber in seinem Buch "Der SS-Staat" über die Häftlingsführung:

"Ihre Aufgaben waren folgende: Aufrechterhaltung der Ordnung im Lager, Überwachung der Disziplin, um ein Eingreifen der SS usw ... zu vermeiden." (Seite 62)*),


*) Alle zitierten Seitenzahlen beziehen sich auf die französischen Ausgaben der zitierten Bücher.

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und:

"Die SS-Lagerleitungen waren nicht imstande, Zehntausende von Häftlingen anders als rein äußerlich und durch plötzliche Eingriffe zu kontrollieren." (S. 275.)

Und welches Ziel hat die Häftlingsführung angestrebt? Hier ein Beispiel aus demselben Buch:

"Das Häftlingsbüro der Arbeitsstatistik leitete in den Lagern bekanntlich die Verwendung der Arbeitskraft unter Kontrolle und auf Anweisung des Arbeitseinsatz- und des Arbeitsdienstführers. Die SS war dem Ausmaß der Anforderungen im Laufe der Jahre nirgends mehr gewachsen. In Buchenwald machte SS-Hauptsturmführer Schwartz nur einmal den Versuch, selbst einen Transport von tausend Häftlingen zusammenzustellen. Nachdem er fast das ganze Lager einen halben Tag lang auf dem Appellplatz hatte stehen lassen, um es durchzumustern, brachte er glücklich 600 Mann zusammen. Die ausgemusterten Leute, die aus den Blockreihen hatten heraustreten müssen, verschwanden einfach wieder nach allen Seiten hin. Kein Mensch ging Schwartz zur Hand." (Seite 286, a. a. O.)

Meiner Meinung nach lag kein Hindernis dafür vor, daß Schwartz' Erfahrung sich jedesmal wiederholte, wenn es darauf ankam, einen Transport nach irgendeinem Arbeitsort zusammenzustellen: wenn dies der SS nie gelungen wäre, hätte sie auch nichts besseres verdient. Aber:

"Von da hat der Arbeitseinsatzführer alle Fragen der Arbeitseinteilung den Häftlingen der Arbeitsstatistik überlassen," sagt Herr Kogon Seite 286.

Und nachdem auf dem Appellplatz ausgesucht worden war, war es nicht mehr möglich, "nach allen Seiten hin zu verschwinden" wie bei Schwartz: mit dem Gummiknüppel in der Hand zogen alle Kapos, alle Blockältesten, der ganze Lagerschutz usw ... eine drohende Sperre gegen jeden Fluchtversuch. Neben ihnen nimmt sich der SS-Hauptsturmführer Schwartz geradezu wie ein Menschenfreund aus. Sie waren Kommunisten, Antifaschisten, Antihitlerianer usw ...; aber sie konnten nicht dulden, daß irgendwer die von Hitler errichtete Ordnung der Unternehmen störte oder die Kriegsanstrengungen des Dritten Reiches durch Entwischen zu vermindern suchte. Dafür hatten sie das Recht, die Häftlinge zu bestimmen, die zum Transport eingeteilt werden sollten, und stellten die Listen dazu mit einem Eifer auf, der über jedes Lob erhaben war ...

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Es muß noch erwähnt werden, daß die Häftlinge, die der Häftlingsführung angehörten, auch immer die Schlauesten waren, skrupellos und wenig anständig. Um es ganz genau zu sagen: in dieser Umgebung, wo alle Rassen der Welt und alle sozialen Schichten vertreten waren, konnten sie als die liederlichsten Kerle von allen bezeichnet werden !

Und was geschah unter ihrer Führung?

Eugen Kogon sagt noch:

"Die Häftlinge haben tatsächlich nie das Wenige voll erhalten, das für sie vorgesehen war. Zuerst nahm sich die SS weg, was ihr paßte. Dann "organisierten" sich die Häftlinge, die in den Magazinen und Küchen beschäftigt waren, nach Strich und Faden ihr Teil weg. Dann zweigten die Stubendienste tüchtig für sich und ihre nächsten Freunde ab. Der Rest gehörte dem schäbigen gewöhnlichen Häftling!" (Seite 107 a. a. O.)

Es ist notwendig genau darzulegen, daß jeder, der nur einen winzigen Teil der Lagerautorität im Lager vertrat, damit gleichzeitig das Recht hatte, sich einen Teil "vorwegzunehmen": der Lagerälteste, der die Verpflegung für alle erhielt und an seine Untergebenen weitergab, der Kapo oder der Blockälteste, die zuerst sich selbst reichlich bedachten, der Vorarbeiter des Kommandos oder der Stubenälteste, die das Brot einteilten oder die Suppe in die Näpfe füllten, der Polizist, der Schreiber usw ... Es ist eigenartig, daß Kogon dies gar nicht erwähnt.

Alle diese Leute lebten von dem Ertrag ihrer Diebstähle wie die Maden im Speck und schritten mit blühendem Antlitz durchs Lager. Sie kannten keine Skrupel.

Für die Krankenstube der Häftlinge gab es in den Lagern eine Krankensonderverpflegung, die sogenannte "Diät". Als Zusatzverpflegung wurde sie sehr geschätzt, und der überwiegende Teil landete bei den Honoratioren des Lagers, bei Blockältesten, Kapos usw. In jedem Lager gab es Kommunisten oder Kriminelle, die jahrelang neben ihren weiteren Vorteilen auch noch Krankensonderverpflegung erhielten. Es war vor allem eine Frage der Beziehungen zur Krankenküche, wo nur Angehörige der im Lager herrschenden Gruppe arbeiteten - oder eine Frage der Dienste, die man dafür im Tausch bieten konnte: die Kapos der Schneiderei, der Schusterei, der Kleiderkammer, der Gerätekammer usw. lieferten gegen diese Verpflegung das, was die anderen dafür von ihnen verlangten. Im Lager Buchenwald wurden auf diesem Wege von 1939 bis 1941 fast 40 000 Eier im Lager verschoben.

Während dieser Zeit starben die Kranken, weil ihnen die Sonderverpflegung, die die SS für sie vorgesehen hatte, vorenthalten wurde. Kogon beschreibt den Mechanismus dieses Diebstahls, indem er ihn einfach als

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eine Form des "Systems D" darstellt, das von allen Häftlingen praktiziert wurde, die mit der Lebensmittelzubereitung und -verteilung zu tun hatten. Das ist ungenau und gleichzeitig ein Zeichen des Wohlwollens gegenüber der Häftlingsführung.

Es gab also zwei Gründe, aus denen die Häftlinge vor Hunger sterben konnten, zwei Gründe, die sich ergänzten, ob es sich nun um Kranke oder Gesunde handelte, um die normale Ration oder um die Sonderverpflegung: erst bediente sich die SS und dann die Häftlingsführung, wobei noch bemerkt werden muß, daß die SS im allgemeinen sich nicht selber bediente oder nur sehr wenig nahm: sie ließen etwas für sich vorwegnehmen und wurden damit besser bedient. Es gab auch zwei Möglichkeiten, verprügelt, bzw. mißhandelt zu werden. Angesichts dieser Lage gab es wenig Häftlinge, die es nicht vorzogen, direkt mit der SS zu tun zu haben: der Kapo, der übermäßig stahl, schlug auch mehr, um der SS zu gefallen, und eine einfache Zurechtweisung seitens eines SS-Mannes zog fast immer einen Hagel von Schlägen seitens des Kapos nach sich.

Das Drama begann an der Tür zum Revier:

"War der Kranke schließlich angelangt, so mußte er zuerst in einer langen Reihe im Freien bei jeder Witterung mit blankgewaschenen Schuhen anstehen. Da es einfach nicht möglich war, alle Kranken zu behandeln, und da sich außerdem immer wieder Häftlinge unter sie mischten, die nur das an sich begreifliche Bedürfnis hatten, sich von der Arbeit zu drücken, nahm ein robuster Häftlingspförtner die erste radikale Krankenauslese vor." (Seite 130, Kogon a. a. O.)

Der Kapo, der selber nur auf Grund seiner kommunistischen Überzeugung ausgewählt worden war, wählte zum Pförtner nicht etwa einen Mann, der in der Lage war, die Kranken von den Gesunden oder die Schwerkranken von den leichteren Fällen zu unterscheiden, sondern jemanden, der schwer gebaut war und kräftig schlagen konnte. Und dieser Kapo war vom November 1941 an der frühere kommunistische Reichstagsabgeordnete Ernst Busse!

An dieser Lage hat auch die SS ihre Schuld. Eugen Kogon sagt:

"Was hinter dem Stacheldraht wirklich vorging, blieb ihr (der SS) verborgen." (Seite 275 a. a. O.)

Und später:

"Im letzten Jahre gab es in einer Reihe von Konzentrationslagern eine so durchgebildete Selbstverwaltung, daß die SS in wichtige lagerinterne Angelegenheiten keinen Einblick mehr hatte. Müde geworden, war sie nun daran gewöhnt, daß die Dinge 'von selbst

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liefen', und ließ im Großen gesehen die Selbstverwaltung der Häftlinge in vielem gewähren." (Seite 284 a. a. O.)

Meines Erachtens kann man sich dazu nicht klarer äußern, als ich es in meinem Buch getan habe:

"Hier sei es ausgesprochen: weil die Überlebenden der KZ-Häftlingsführung uns so schamlos um unsere Kleidung und unsere Verpflegung gebracht haben, so übel behandelt, brutalisiert und in so unbeschreiblicher Weise geprügelt haben, daß - nach den Statistiken - 82 % von uns gestorben sind, darum, sehen sie jetzt in den Gaskammern das einzige, ihnen von wundertätiger Hand gereichte Mittel, mit dem sie gleichzeitig diese vielen Leichen erklären und sich selbst reinwaschen können!"

Mit dieser Feststellung will ich weder die Schuld der SS noch die der Regierung verkleinern. Die größte Schuld allerdings trifft den Krieg: zwei Kriege haben in Deutschland KZ's hervorgebracht, ebenso wie der Krieg auch die KZ's in Algerien entstehen ließ. Der Krieg ist es, der stets alle Grausamkeiten mit sich bringt; das ist weder eine Frage der Regierung noch der Partei: der Krieg bedingt in allen Ländern eine Psychose und eine Nichtachtung andersdenkender Mitmenschen. Diese Tatsache will Eugen Kogon absolut nicht einsehen. Aber seine Weigerung geht auf politische Gründe zurück. Er sagt uns:

"... Es gab nur ein Ziel: die Erhaltung einer Kerntruppe von Gefangenen gegen die SS. Wie wäre es dem Ganzen und Tausenden von Einzelnen bei Einlieferungen, bei Abtransporten, bei Strafaktionen und - last not least - zuletzt noch vor der Befreiung ergangen, wenn der Lagerschutz nicht für eine tadellose Ordnungstarnwand gegenüber der SS gesorgt hätte?" (Kogon, S. 62 a. a. O.)

und weiter:

"Wir sind nicht alle Märtyrer geworden, sondern konnten am Leben bleiben, um später als Zeugen aufzutreten."

Als ob es vor der Geschichte von so großer Wichtigkeit gewesen wäre, daß gerade Kogon und seine Gruppe als Zeugen auftreten konnten und nicht die anderen - wie Michelin aus Clermont-Ferrand, wie François de Tessan, wie Dr. Seguin, wie Crémieux, Desnos usw. - denn diese "wir", die nicht "alle Märtyrer geworden" waren, setzten sich ja nur zusammen aus den Angehörigen der bevorrechteten Klasse, aus der Häftlingsführung und nicht etwa aus der Gesamtheit der "Politischen", die doch die überwältigende Mehrzahl bildeten. Der Gedanke scheint dem angeführ-

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ten Verfasser nicht einmal gekommen zu sein, daß die Häftlingsführung fast die gesamten Internierten hätte retten können, wenn sie sich nur dazu hätte durchringen können, selber weniger zu essen und weniger zu schlagen - und daß es nur ein großes Glück gewesen wäre, wenn heute auch diese Gesamtheit der Internierten, der Nichtbevorrechteten als Zeugen hätte auftreten können.

Nach Kogons Ansicht war man gezwungen, die "Besten" zu retten, da man die Menge nicht hätte retten können. Aber aus dem Vorhergehenden haben wir gesehen, worin die Qualitäten jener Besten, die gerettet wurden, bestanden.

Und wenn die Absicht einer solchen Auswahl schon entsetzlich war, so war es das Mittel, mit dem die Häftlingsführungen diesen weder philosophisch noch praktisch vertretbaren Zweck zu erreichen suchten, in noch viel höherem Maße. Ich meine die Bildung jener berühmten Widerstandsausschüsse in den Lagern. Außerdem ist die Darstellung, die von ihnen gegeben wird, unleugbar falsch.

Sicher, es gab in allen Lagern Zusammenschlüsse von Häftlingen, und es wurden insgeheim Gruppen gebildet: in der Masse der Häftlinge auf Grund einer gleichen Gesinnung oder einfach, um sich gegenseitig zu helfen, das gemeinsame Schicksal besser zu ertragen - in der Häftlingsführung aber auf Grund gemeinsamer Interessen, um die Macht an sich zu reißen, um die eroberten Machtpositionen zu verteidigen oder um die Macht besser ausüben zu können.

Nach der Befreiung haben die Kommunisten die Welt glauben lassen - und David Rousset hat ihre Behauptungen bestätigt -, daß es ihre kommunistische Überzeugung gewesen wäre, die sie in den Lagern zusammenschweißte, und daß sie so gehandelt hätten, wie ihre Lehre es von ihnen verlangte. In Wahrheit war es der handgreifliche Vorteil, der sie zusammenschweißte, ob es sich dabei um Verpflegungsaufbesserungen oder um Existenzsicherung handelte. In den beiden Lagern, die ich kennengelernt habe, herrschte allgemein die Ansicht, daß jeder "Ausschuß", ob politisch oder nichtpolitisch, ob kommunistisch oder nichtkommunistisch, vor allem ein Zusammenschluß von Lebensmitteldieben war.

Es ist Tatsache, daß fast ausschließlich Kommunisten gerettet wurden, und das will Eugen Kogon nicht zugeben. In seiner Doktorarbeit "Hakenkreuz gegen Äskulapstab" (Croix gammée contre Caducée) berichtet der Franzose Dr. François Bayle über folgende eigenartige Aussage Kogons in Nürnberg: Ding-Schuler, der Lagerarzt in Buchenwald, hätte ihn gebeten, sich im Falle einer deutschen Niederlage um seine (Ding-Schulers) Frau und Kinder zu kümmern.

Wenn dieser Bitte die Zusage einer ähnlichen Gegenleistung gegenüberstand - was Kogon absolut nicht zugeben wollte -, so ließe sich die

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Stellung dieses sonderbaren Häftlings aus einem Kollaborationsvertrag erklären, dessen Konzeption und dessen Absichten weit weniger edel waren, als er jetzt bereit war zuzugeben. Irgendwelche Betrachtungen über diese Hypothese müßten rein spekulativer Natur bleiben. Wir wollen uns darum an dieser Stelle auf die Feststellung beschränken, daß die Zusammenarbeit zwischen Kogon und dem SS-Arzt Ding-Schuler eingestandenermaßen eindeutig freundschaftlich und oft intim war. Es bestand auch eine Zusammenarbeit zwischen Kogon und der kommunistischen Partei (wie er selber auf Seite 163 der frz. Ausgabe seines Buches "Der SS-Staat" zugibt) und eine Zusammenarbeit der SS und der kommunistischen Partei ... Der Preis, den die Masse der Häftlinge dafür bezahlen mußte, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Alle Kommunisten und ihre Freunde gehörten der Lagerprominenz an - also Kogon auch - und wurden mit Hilfe der SS gerettet.

Nach dem Kriege hat Kogon das Spiel der Kommunisten zuerst weiter mitgespielt. Und heute spielt er das Spiel der Amerikaner, aber das ist zu spät: das Übel ist getan. Übrigens spielt er das Spiel der Amerikaner schlecht, weil er mit seinen Angaben über die KZ's der beste Helfer der Kommunisten bleibt. So sitzt er also zwischen zwei Stühlen ... wie im Lager! Ich will noch etwas über seine Methode sagen: Um seiner Zeugenaussage das Ansehen der Wahrheit zu verleihen, hat er wie folgt gearbeitet:

"Um gewisse Befürchtungen zu zerstreuen, der Bericht (so bezeichnet er sein Buch 'Der SS-Staat' P. R.) könnte sich zu einer Art Anklageschrift gegen führende Lagerinsassen gestalten, las ich ihn Anfang Mai 1945, soweit er damals bereits fertiggeschrieben war - es fehlten von insgesamt zwölf nur mehr die letzten zwei Kapitel - einer Gruppe von 15 Männern vor, die entweder der illegalen Lagerleitung [3] angehört hatten oder für bestimmte Häftlingsgruppen repräsentativ waren. Sie billigten den Inhalt als zutreffend und objektiv.

Die Teilnehmer der Vorlesung waren:

1. Walter Bartel, Kommunist aus Berlin, Vorsitzender des Internationalen Lagerausschusses.
2. Heinz Baumeister, Sozialdemokrat aus Dortmund, der jahrelang der Schreibstube in Buchenwald angehört hatte als zweiter Sekretär vom Block 50.


[3] Wenn Eugen Kogon die Häftlingsführung bezeichnen will, nennt er sie manchmal die "illegale Lagerleitung", manchmal die "geheime Lagerleitung". In Wahrheit sind beide Bezeichnungen irreführend: nichts war weniger illegal, nichts weniger "geheim" als die Häftlingsführung.

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3. Ernst Busse, Kommunist aus Solingen, Kapo des Häftlingsreviers.
4. Boris Banilenko, Führer der ukrainischen Jungkommunisten, Mitglied des Russischen Ausschusses.
5. Hans Eiden, Kommunist aus Trier, Erster Lagerältester.
6. Baptist Feilen, Kommunist aus Aachen, Kapo der Wäscherei.
7. Franz Hackel, linksgerichteter Parteiloser aus Prag, einer unserer Freunde aus dem Lager, der keinen Posten innehatte.
8. Stephan Heymann, Kommunist aus Mannheim, Mitglied des Lager-Nachrichtenbüros.
9. Werner Hilpert, Zentrumsmitglied aus Leipzig, Mitglied des Internationalen Lagerausschusses.
10. Otto Horn, Kommunist aus Wien, Mitglied des österreichischen Ausschusses.
11. A. Kaltschin, russischer Kriegsgefangener, Mitglied des Russischen Ausschusses.
12. Otto Kipp, Kommunist aus Dresden, stellvertretender Kapo des Häftlingsreviers.
13. Ferdinand Römhild, Kommunist aus Frankfurt/Main, erster Sekretär des Häftlingsreviers.
14. Ernst Thape, Sozialdemokrat, Leiter des Deutschen Ausschusses.
15. Walter Wolff, Kommunist, Leiter des Lagernachrichtenbüros."

(Aufgeführt auf S. 20 und 21, Kogon, a. a. O.)

Diese gewissermaßen als Einleitung dienende Erklärung genügt für sich allein schon, um die ganze Zeugenaussage in ein verdächtiges Licht zu rücken: "Um gewisse Befürchtungen zu zerstreuen, der Bericht könnte sich zu einer Art Anklageschrift gegen führende Lagerinsassen gestalten ..."

Eugen Kogon hat es also vermieden, von irgendwelchen Dingen zu berichten, die die Häftlingsführung belasten könnten: kein Historiker würde eine solche Aussage je akzeptieren können. Im Gegenteil, es muß die Überzeugung entstehen, daß er durch seine Handlungsweise eine Dankesschuld getilgt hat gegenüber jenen Leuten, die ihm einen überaus ruhigen Posten im Lager besorgt haben - und daß er jetzt mit diesen Leuten gemeinsame Interessen gegenüber der öffentlichen Meinung zu verteidigen habe.

Obendrein mahnt die Zusammensetzung der Gruppe, die sich entschlossen hat, "das Zutreffen und die Objektivität" zu bescheinigen, auch noch zur Vorsicht. Alle sind Kommunisten oder Kommunistenfreunde (sogar diejenigen, die als Sozialdemokraten, Parteilose oder Zentrumsmitglieder bezeichnet werden) und, falls zufälligerweise einer eine

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Ausnahme machte, so kann es sich dabei nur um jemanden handeln, der sich den Dank der Gruppe verdient hat. Schließlich ist die Liste eine Aufzählung der führenden Persönlichkeiten der Häftlingsführung in Buchenwald: Lagerältester, Kapos usw ...

Meines Erachtens sind die Titel, mit denen sie sich hier geschmückt sehen (Vorsitzende oder Mitglieder dieses oder jenes Ausschusses), entweder nicht ernst zu nehmen oder pure Phantasie: sie haben sich gegenseitig diese Bezeichnungen verliehen, entweder in dem Augenblick, als die Amerikaner das Lager befreiten oder sogar nachträglich. Und ich möchte mich nicht weiter mit der wirklichen Bedeutung dessen beschäftigen, was hier als "Ausschuß" bezeichnet wird. Ich habe diese Angelegenheit schon vorher zu Fall gebracht. Jedenfalls gebrauchen diese Leute die Bezeichnung, und es ist ihnen auch gelungen, diese von der Öffentlichkeit anerkennen zu lassen, wobei die Mitglieder der "Ausschüsse" wahrhaft noble Begründungen vorbrachten.

Ich meine, daß diese Leute recht viel Glück hatten, als sie in Eugen Kogon einen Mann fanden, dessen gewandte Feder sie in den Augen der Nachwelt von aller Verantwortung befreite.

*         *
*

Es ist nicht möglich, diesen Vortrag zu halten und zu Ende zu führen, ohne die Frage der Gaskammern zu behandeln. Die Gaskammern waren und sind noch immer das große Geheimnis des zweiten Weltkrieges ! Gab es sie oder gab es sie nicht? Und wenn es sie gab, wieviel waren es, und wieviel Menschen sind auf diesem Wege ums Leben gebracht worden? Das sind die zwei wichtigsten Fragen.

Ich habe keine Gaskammern gesehen. Eugen Kogon hat auch keine gesehen. Trotzdem hat er geantwortet: es gab Gaskammern. Und er hat sie genau beschrieben und detaillierte Angaben gemacht, wobei er sich auf die Zeugenaussage

"eines jungen Juden aus Brno, Janda Weiß beruft, der 1944 dem Sonderkommando (des Krematoriums und der Gaskammern), angehört hat, von dem die folgenden Einzelheiten stammen, die übrigens von anderen Personen bestätigt werden." (Kogon, a. a. O. S. 155.)

Dieser Zeuge ist natürlich gestorben, und Eugen Kogon ist der einzige, der ihn getroffen hat. Mehrere andere Zeugen haben erklärt, daß

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sie die Gaskammern gesehen hätten. Ihre Aussagen sind so voller Widersprüche, daß man nicht umhin kann zu sagen, daß sie lügen.

Es steht übrigens fest, daß kein lebender KZ-Internierter gesehen hat, daß mit diesem Mittel Menschenvernichtungen vorgenommen wurden. Das habe ich hundertmal festgestellt und habe die Unbesonnenen, die das Gegenteil behaupteten, in der Öffentlichkeit der Lüge überführen können. Ich könnte Ihnen viele Beispiele aufführen, will aber hier nur das berühmteste zitieren: Einer meiner Mithäftlinge, der Abbé Jean-Paul Renard, berichtet:

"Ich habe Tausende und Abertausende unter die Duschen gehen sehen, aus denen sich dann statt Wasser Erstickungsgase über sie ergossen ..."

In Wirklichkeit hat der Abbé Jean-Paul Renard nichts von alledem gesehen, da es ja weder in Buchenwald noch in Dora Gaskammern gegeben hat ... Als ich ihn Anfang 1947 darauf aufmerksam machte, antwortete er:

"Zugegeben, aber dies ist doch nur eine literarische Wendung, und da die Dinge doch irgendwo vorgekommen sind, ist es kaum von Bedeutung."

Ferner ist entscheidend, daß die gesamte Literatur über die KZ-Lager ebensowenig wie das Nürnberger Gericht in der Lage war, auch nur ein einziges schriftliches Dokument beizubringen, aus dem hervorging, daß in den deutschen KZ's auf Anordnung der Regierung Gaskammern mit der Absicht, sie zur Massenvernichtung von Häftlingen zu verwenden, eingerichtet worden seien. Trotzdem gibt es immer wieder Leute, die sagen, daß sie Zeuge gewesen seien. Aber sie wiederholen immer nur das, was in dem zuletzt veröffentlichten "Zeugenbericht" gesagt wird, nämlich in dem Buch: "Der Lagerkommandant von Auschwitz spricht":

"Im Sommer 1941 wurde ich plötzlich zum Reichsführer befohlen und erhielt von ihm den mündlichen Befehl, Gaskammern zu bauen." (Seite 226 der frz. Ausgabe.)

Aber auf Seite 227 sagt dasselbe Buch:

"Ich habe ihm einen detaillierten Entwurf eingereicht über die geplanten Anlagen, habe aber nie eine Antwort oder eine Entscheidung in diesem Zusammenhang erhalten".

"Die Gaskammern sind aber doch gebaut worden" -

sagt Hoess (oder man läßt es ihn sagen)

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"weil Eichmann mir etwas später nebenbei mündlich (immer mündlich!) mitteilte, daß der Reichsführer einverstanden sei." (Seite 227 a. a. O.)

Wenn man diesem Zeugen glauben darf, so hätte Himmler also nie einen Befehl zur Errichtung von Gaskammern erteilt! Das wird jetzt von den Kommunisten selber gesagt, bzw. wird von ihnen als Tatsache akzeptiert, da sie es ja gewesen sind, die dieses Buch herausgegeben haben. (Die Dokumente zu diesem Buch stammen aus Polen.)

In dem Zusammenhang möchte ich noch eine andere Geschichte erzählen, die einen weiteren angeblichen Befehl Himmlers betrifft, über den die KZ-Literatur sehr ausführlich berichtet: den Befehl, alle Lager beim Herannahen der alliierten Truppen in die Luft zu sprengen und damit also die gesamten Häftlinge, einschließlich der Bewachungsmannschaften umzubringen.

Der leitende Arzt des Lagerkrankenreviers in Dora, Dr. Plaza, bestätigte sofort nach seiner Festnahme, daß dieser Befehl tatsächlich ergangen sei - und kam mit dem Leben davon. Vor dem Nürnberger Gericht warf man dies den Angeklagten vor, aber sie stritten alle die Richtigkeit ab. Und in der französischen Zeitung "Le Figaro Littéraire" vom 6. Januar 1951 konnte man folgendes lesen (der Aufsatz hatte die Überschrift: "Ein Jude verhandelt mit Himmler" und war unterzeichnet von Jaques Sabille):

"Dank dem Drucke, den Günther über Kersten auf Himmler ausübte, ist der kannibalische Befehl, die Lager beim Herannahen der alliierten Truppen mit ihren Bewachungsmannschaften in die Luft zu sprengen, nie befolgt worden."

Was also bedeutet, daß dieser Befehl, den angeblich alle Dienststellen erhalten haben sollen, und der mit ausführlichstem Kommentar versehen worden ist, in Wahrheit nie erteilt wurde.

In dem Buch, das Hoess zugeschrieben wird, ist auch die Beschreibung einer Vergasung enthalten. Sie wäre "mit einem Insektenvernichtungsmittel, dem Cyclon B", erfolgt. Also mit einem Insektenvernichtungsmittel, wie im Ernst gesagt wird! Und was ist denn dieses Cyclon B? Auf Seite 228 sagt das obengenannte Buch:

"Cyclon B liegt in Form von blauen Kieseln vor, die in Kästen geliefert werden, und aus denen sich unter der Einwirkung von Wasserdampfstrahlen ein Gas entwickelt."

Und auf Seite 236 heißt es:

"Die Entkleidungsräume und die Gaskammern konnten auch als Duschräume verwendet werden."

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Wenn es aber stimmt, daß Himmler nie den Befehl gegeben hat, Gaskammern zu bauen - wie auf Seite 227 gesagt wird - dürfte es dann nicht eher so gewesen sein, daß die Duschräume als Gaskammern Verwendung gefunden hätten?

Es fällt auf, daß zum ersten Mal in der KZ-Literatur die Gaskammern offiziell so dargestellt werden, daß sie eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Duschräumen aufweisen. Und es ist auch das erste Mal, daß das verwendete Gas sehr genau beschrieben wird, wobei es sich offenbar um ein Gas handelt, das nur verwendet werden kann, wenn die Gaskammern wie Duschräume ausgestattet sind. Es hat zwölf Jahre gedauert, bevor diese Einzelheiten zur Veröffentlichung gelangten. Weder Eugen Kogon nach David Rousset noch der ungarische Kommunist Miklos haben sie erwähnt. Vielleicht wird es nach weiteren zwölf Jahren endlich "Zeugenberichte" geben, die in jeder Hinsicht zusammenhängend sind. Dazu ist es nur erforderlich, daß die Russen sich endlich entschließen, in den "Werkstätten", wo von früh bis spät die Geschichte "korrigiert" wird, nur noch wirklich qualifizierte Geschichtsfälscher zu beschäftigen.

Man muß allerdings zugestehen, daß sie schon Fortschritte gemacht haben, vor allem, wenn man berücksichtigt, daß sie es fertiggebracht hatten, im Jahre 1947 im Ärzteprozeß das Dokument P. S. 1553 R. F. 350 vom Nürnberger Gericht als echt anerkennen zu lassen. Dieses Dokument wurde dem Gericht von dem Verwandten eines Zeugen vorgelegt, der selber die Klugheit besessen hatte, unmittelbar nach der Niederschrift Selbstmord zu begehen. Es wurde in der Nr. 2/1953 der "Vierteljahreshefte für Neuere Geschichte" und danach in der schwedischen Zeitung "Dagens Nyheter" (am 16. 7. 1953) veröffentlicht.

In diesem Dokument wird behauptet, daß die Juden in Gruppen von 750 bis 800 in Gaskammern umgebracht worden wären, die eine Bodenfläche von 25 qm und eine Höhe von 1,80 m gehabt hätten. Bei dem verwendeten Gas hätte es sich damals um die Auspuffgase eines Dieselmotores gehandelt!

Und der Zeuge fügte noch hinzu, daß die in den Kammern zusammengedrängten 750 bis 800 Menschen genau nach der Stoppuhr drei Stunden gebraucht hätten um zu sterben. Wirklich ein Bild, vor dem noch den Historikern der Zukunft grausen wird, wenn sie sich mit den sonderbaren "Dokumenten" befassen, die das Nürnberger Gericht ernstgenommen hat.

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*

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Ich möchte nun zwei kurze Dokumente aus dem Buch "Der Kommandant von Auschwitz spricht" kommentieren. Der erste Abschnitt lautet:

"Ende November 1940 wurde ich zum ersten Mal zum Reichsführer gerufen und erhielt den Auftrag, eine Erweiterung des gesamten Lagergebietes vorzunehmen. Es handelte sich um den Aufbau von Birkenau (Auschwitz 2), dem die Zusammenfassung aller Horowitzer Kommandos zur Errichtung eines Lagers für die I. G. Farben (Auschwitz 3) folgen sollte. Der Bau von Auschwitz 4 wurde durch die Niederlage Hitlers unterbrochen." (Seite 121.)

Meines Wissens ist dies das erste Mal, daß die KZ-Literatur erklärt, das im Kriege stehende Deutschland hätte geplant, auch ein Lager für die I. G. Farbenindustrie einzurichten, wie es das bereits für viele andere Industrien getan hatte. Also ein Lager, in dem die Benutzung von Gas unumgänglich war - und zwar zur Herstellung von Farben und einer gewissen Zahl von anderen chemischen Produkten - nicht etwa für die Vernichtung von KZ-Häftlingen!

Aber die Vergasung von KZ-Häftlingen - was ist damit?

Vielleicht hat es das gegeben - und wenn das der Fall gewesen sein sollte, so wird man zugeben müssen, daß es auf einen oder zwei Verrückte unter der SS und auf einen oder zwei Angehörige einer Häftlingsführung zurückgeht, die diesen Verrückten einen Gefallen tun wollten. Oder auch umgekehrt: auf einen oder zwei Leute aus der Häftlingsführung, die sich der erkauften oder auch nicht erkauften Mittäterschaft eines oder zwei besonders sadistischer SS-Angehöriger versichert hatten.

Heute - ich bemerkte dies schon - spricht man nur noch von jenen Gaskammermorden, die in Auschwitz in der jetzt russisch besetzten Zone stattgefunden haben sollen, und man legt dazu Unterlagen vor, die niemand nachprüfen kann. Es ist übrigens einwandfrei beweisbar, daß die Zeugenaussagen, die uns von dort zugesandt werden, sich gegenseitig widersprechen (Hoess widerspricht Miklos und Kogon) - ferner stecken sie voller Unwahrscheinlichkeiten und widersprechen sogar sich selbst von einer Seite zur anderen. Ein Beispiel: In "Der Lagerkommandant von Auschwitz spricht" heißt es:

"Der Reichsführer hat den Befehl gegeben, alle Juden zu vernichten." (Seite 225)

und

"Der Reichsführer wollte immer mehr Häftlinge, spezielle oder andere (d. h. Juden oder andere) für die Arbeit in der Rüstungsindustrie haben." (Seite 189.)

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Es ist schwer zu verstehen, wieso Himmler einerseits "immer mehr Häftlinge, Juden oder andere" für die Rüstung verlangen konnte, wenn andererseits von ihm gesagt wird, er hätte immer mehr von ihnen durch Gas umbringen lassen wollen!

Man soll nur nicht denken, daß das Buch etwa zu schnell geschrieben worden wäre, und es sich also um Flüchtigkeitsfehler handelte. Zwölf Jahre hätten doch eigentlich reichen sollen!

Nun will ich natürlich nicht behaupten, daß ich die absolute Wahrheit gepachtet hätte. Wir suchen alle nur nach der Wahrheit, und das einzige, was ich tun konnte, war, Ihnen einen Weg zu zeigen, der zur Wahrheit führt und von einem anderen Weg zu beweisen, daß er nicht dahin führen kann.

*         *
*

Endlich will ich noch eine letzte Frage aufwerfen: Warum wurde nur Deutschland angeklagt, und warum fährt man fort, nur Deutschland immer wieder anzuklagen? Kurz nach der Einstellung der Feindseligkeiten erfuhr die Welt vom Bestehen der deutschen Konzentrationslager - gleichzeitig erfuhr auch das deutsche Volk davon. Die Menschheit reagierte mit einem einzigen Aufschrei: noch nie hätte es etwas Derartiges gegeben! Nur der teuflische deutsche Geist wäre imstande, solche Schrecken auszudenken. Es fiel damals niemandem auf, daß die lautesten Entrüstungsschreie von den Kommunisten kamen.

Meines Erachtens war das kommunistische Manöver leicht zu durchschauen: indem sie die Schrecken der deutschen Lager nachdrücklichst überall verkündeten, glaubten sie, die Aufmerksamkeit der Welt von den 20 Millionen Menschen ablenken zu können, die in kommunistischen Lagern schmachteten unter Lebensbedingungen, die - wie die jetzt veröffentlichten Erlebnisberichte einiger Davongekommener (vor allem der Margarete Buber-Neumann) eindeutig beweisen - noch schlimmer waren als die, welche wir in den deutschen Lagern erleiden mußten.

Die Kommunisten verfolgten aber mit der ununterbrochenen Reihe ihrer auf den Aussagen des David Rousset und des Eugen Kogon gestützten Greuelpublikationen noch ein weiteres Ziel. Ihrer Ansicht nach war nichts geeigneter, die Spaltung zwischen den Westmächten zu verewigen als das Leitmotiv aller kommunistischen Veröffentlichungen, das "Vergeßt es nie!" lautete. Denn sie wissen sehr wohl, daß es keine Einigkeit in der westlichen Welt geben kann, wenn Frankreich und Deutschland nicht zusammenstehen. Erst heute kommt man dahinter, daß die Kommunisten in diesem zweiten Punkt ihr Ziel erreicht haben

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und beginnt zu begreifen, daß ihre Schilderung deutscher Konzentrationslager ihnen dabei sehr geholfen hat.

Die Kommunisten haben noch ein anderes Ziel erreicht: die westliche Welt hat ihre Seele und ihre Kultur verloren! Wenn die westliche Welt ihre Seele wiederfinden und den Weg gehen will, der zur Rettung führt, muß sie sich vor allem voll und ganz zur geschichtlichen Wahrheit bekennen. Ohne die geschichtliche Wahrheit gibt es keine westliche Seele, und ohne westliche Seele keine Verteidigung gegen den Kommunismus und keine Rettung. Es muß gesagt werden: diese westliche Welt kann nicht mehr leben in einer Wahrheit, die nur eine politische Wahrheit und daher wie jede politische Wahrheit voller Lügen ist.

Hierzu lassen Sie mich noch ein Wort sagen und damit schließen: Ich habe niemals verstanden und werde niemals verstehen, warum das deutsche Volk bisher noch nicht die Bildung eines Komitees unabhängiger Historiker gefordert hat, welches alle Angaben und Aussagen über diese Geschehnisse gründlichst auf ihren Tatsachengehalt hin untersuchen soll.

Wenn ich einen Rat zu geben hätte, so wäre es folgender: die politischen Parteien können ein solches Komitee nicht bilden, sie können sein Wirken höchstens fördern - wenn sie das wollen. Aber eine "Gesellschaft zur Pflege der historischen Wahrheit" könnte das. Sie müssen diese Gesellschaft ins Leben rufen, sonst wird man überall in der Welt so denken können, wie dies in einem Artikel zum Ausdruck kam, den ich der größten französischen Zeitung "Le Figaro" (9. 2. 1960) entnahm:

"Neulich war ich Zeuge, als der Rektor der Freien Universität Berlin in einem mit Studenten dicht gefüllten Hörsaal diesen jungen Menschen die Jahre der deutschen Schande wieder ins Gedächtnis rief. Er fand scharfe Worte, und der Ton seiner Stimme verriet, daß er meinte, was er sagte.

Ich betrachtete diese jungen Männer und Frauen, die schweigend seine Worte entgegennahmen - oder, um es genauer zu sagen: die diese Bürde entgegennahmen. Und ich empfand eine leise Trauer und eine gewisse Verlegenheit. Jene Vergangenheit lastet grausam auf dem Denken dieses Volkes, und ich glaube, daß es nicht richtig ist, daß Zwanzigjährige mit einem derart beschwerten Gewissen ins Leben treten müssen.

Ich hatte mich lange gefragt, was jenes gewisse Schweigen des intellektuellen Deutschland eigentlich bedeutet - jenes Schweigen, das uns heutzutage, da eine neue Generation die des Krieges ablöst, das Leben in Deutschland sich wieder normalisiert hat, und auf dem materiellen Gebiet die Ordnung wiederkehrte, noch ungewöhnlicher erscheint.

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Wenige Schriftsteller und Dichter, noch weniger Essayisten, nicht ein einziger Dramatiker, dessen Werke über die Grenzen dringen, eine Musik, die man selten hört, eine Malerei, die wenig Eigenes zeigt ... Ich begann den Anfang einer Antwort auf meine Fragen zu erahnen beim Anblick dieser artigen Jugend, die mit überschlagenen Armen das ganze Jahr lang, in jeder Stunde für Gegenwartsgeschichte hören muß und in einem großen Teil der ausländischen Literatur lesen muß, daß ihre Vorgänger und ihre nächsten Verwandten Unwürdige waren, daß die Schande in dieser Generation kaum ein Ende findet und ihnen allen diesen jungen Menschen so nahe ist, daß auch sie noch vom Argwohn der Welt getroffen werden.

Und da glaube ich, jene Religion des "Wirtschaftswunders" besser zu verstehen, jenen Hang zum Komfort, der zu einer gewissen Amerikanisierung der deutschen Großstädte geführt hat. Der Deutsche sagt sich, daß er, indem er den Eisschrank wählt, jedenfalls sicher sein kann, nicht eines Tages aufzuwachen als Verbrecher gegen die Menschlichkeit."

Ich stelle fest: diese Aussage kommt von einem anderen französischen Schriftsteller - aber ich denke wie er! Die Lage, die er schildert, kann lange anhalten. Ihre Zeitdauer wird bestimmt davon, ob Sie in Deutschland, vor allem die jüngere Generation, sich zu dem Entschluß durchringen, an der Feststellung der Historischen Wahrheit selbst zu arbeiten.

Zum ersten Mal mußte dieser Vortrag am 24. März 1960 vorgelesen werden, da ich kurz vor Beginn der Veranstaltung zu einer Vernehmung bestellt worden war. Herr Kogon war eingeladen. Und was geschah? Herr Kogon kam nicht. Der Vortrag konnte nur teilweise zur Verlesung kommen; er wurde kurz nach Beginn der Veranstaltung polizeilich verboten. So gab es zwischen Herrn Kogon und mir einen Briefwechsel, welcher im zweiten Teil wiedergegeben wird ...

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ZWEITER TEIL

Ein Briefwechsel

1. Die Einladung

Verlag
Karl Heinz Priester
Wiesbaden, Postfach 342

Einschreiben

Herrn
Prof. Dr. Eugen Kogon
ord. Prof. f. angewandte Politik
a. d. Technischen Hochschule
(16) Darmstadt

Hochschulstraße 1   Wiesbaden, den 18. März 1960
    H/L.

 

Sehr geehrter Herr Professor,

auf Anregung meines Verlages wird Herr Prof. Paul Rassinier, Autor des Buches "Die Lüge des Odysseus", eine Vortragsreihe in Westdeutschland durchführen und im Rahmen derselben am 25. März 1960, abends 20 Uhr, in dem Vortragshaus "Patriotische Säle" in Hamburg, Trostbrücke 6, sprechen.

Es ist der ausdrückliche Wunsch des Vortragenden, Herrn Prof. Paul Rassinier, daß ich Ihnen seine Bitte übermittele, Ihrerseits Gelegenheit zu nehmen, mit ihm im Anschluß an seinen Vortrag und vor den Zuhörern in eine Aussprache einzutreten, die vielleicht Gelegenheit geben könnte, die schon in einem früheren Briefwechsel zwischen Ihnen und Herrn Rassinier [1] zum Ausdruck gelangten unterschiedlichen Auffassungen und Angaben zum gleichen Thema (zur Ausführung gelangt in


[1] Das war ein Irrtum von Herrn Priester. In meiner Antwort an Herrn Eugen Kogon ist dieser Irrtum erklärt. P. R.

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Ihrem Buch "Der SS-Staat" und im Buch von Prof. Rassinier "Die Lüge des Odysseus") näher zu erläutern, bzw. zu begründen und u. U. zu klären.

Sollten Umstände bestehen, die es Ihnen unmöglich machen, diese Aussprache mit Herrn Prof. Rassinier in Hamburg zu führen, bin ich selbstverständlich dazu bereit, Ihnen unverzüglich die Angaben zu übermitteln, an welchen weiteren Orten Herr Prof. Rassinier in der Zeit vom 25. März bis 5. April 1960 referieren wird, so daß die Gelegenheit zur Auswahl des Ihnen günstig erscheinenden Tages für diese öffentliche Aussprache erleichtert werden könnte, und zeichne ich

hochachtungsvoll
Verlag
Karl Heinz Priester
gez. (K. H. Priester)

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2. Die Antwort des Herrn Kogon

Professor Dr. Eugen Kogon
Ordinarius für wissenschaftliche Politik
an der Technischen Hochschule Darmstadt
Falkenstein (Taunus), 28. März 1960
Reichenbachweg 21
Haus Bornwiese

 

Herrn
Paul Rassinier
über den Verlag
Karl Heinz Priester
Wiesbaden

Sehr geehrter Herr Rassinier,

Am 26. März von einer Reise zurückgekehrt, fand ich in meinem Institut an der Technischen Hochschule Darmstadt einen eingeschriebenen Brief des Verlages Karl Heinz Priester, Wiesbaden, vor, datiert mit dem 18. März 1960, worin mir mitgeteilt wird, daß Sie am 25. März abends 20 Uhr in Hamburg einen Vortrag halten und den Wunsch geäußert haben, im Anschluß daran vor den Zuhörern in eine Aussprache einzutreten, "die vielleicht Gelegenheit geben könnte, die ... unterschiedlichen Auffassungen und Angaben zum gleichen Thema (zur Ausführung gelangt in Ihrem Buch 'Der SS-Staat' und im Buch von Prof. R. 'Die Lüge des Odysseus') näher zu erläutern bzw. zu begründen und u. U. zu klären".

Diese Mitteilung an mich kam, wie Sie sehen, zu spät. Der Fall ist als Möglichkeit vom Verlag vorausgesehen worden; daher wurde mir im gleichen Schreiben eröffnet, man sei bereit, mir "unverzüglich die Angaben zu übermitteln, an welchen Orten Herr Prof. Rassinier in der Zeit vom 25. März bis zum 5. April 1960 referieren wird", um es eben doch noch zu einer "öffentlichen Aussprache" kommen zu lassen.

Auch dies ist unmöglich, weil ich morgen eine seit langem für die Semestervorlesungsferien geplante vierzehntägige Auslandsreise antrete.

Aber ich möchte Ihnen immerhin schreiben, so bedrängt ich in der Zeit auch bin; zu gut kenne ich ja die billige Methode, andere ins Unrecht zu setzen, weil sie auf Termine, die für sie willkürlich sind, nicht reagieren konnten oder wollten.

Erlauben Sie mir, daß ich der Einfachheit halber meine Bemerkungen punktweise zusammenfasse.

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1. Der Verlag spricht in seinem Brief von einem "früheren Schriftwechsel", der zwischen Ihnen und mir bereits stattgefunden haben soll. Würden Sie, bitte, die Freundlichkeit haben, meinem Gedächtnis nachzuhelfen: ich wüßte nicht, wann ich mit Ihnen korrespondiert haben sollte.

2. Vom Inhalt Ihres Buches "Die Lüge des Odysseus" habe ich jedenfalls erst durch die deutsche Übersetzung Kenntnis erhalten. Das mich speziell betreffende Kapitel habe ich im November 1959, bei enormem Arbeitsandrang, überflogen und es einem Juristen zur Beurteilung gegeben, der es aber liegengelassen hat, bis ich das Exemplar Anfang März 1960 wieder abholte, weil ich gehört hatte, daß man den Text in einem Münchener Strafverfahren, das bevorstand und in dem ich als Nebenkläger zugelassen war, gegen mich auszuspielen beabsichtigte. Ich las hierauf das ganze Buch von A bis Z.

3. Ich habe es mit gewohnter "Genauigkeit und Kleinlichkeit" getan, die Sie etwas ironisch-tadelnd als eine meiner Qualitäten hervorheben (Seite 20 und Seite 163 der deutschen Übersetzung Ihres Buches). Dabei habe ich, was nicht ohne weiteres sondern nur nebenher und verschleiert berichtet wird, festgestellt, daß Sie

a) nur vom 30. Januar bis zum 12. März 1944, also insgesamt, die Einlieferung und den Abtransport eingerechnet, nicht mehr als 43 Tage im KZ Buchenwald waren;

b) diese Tage in einem Quarantäne-Block zugebracht haben, den Sie vom Zeitpunkt X an nur kurz verlassen konnten, um einmal am Tag (oder mehrmals?) in Kolonne Steine abzuholen;

c) damals nur einige wenige Worte Deutsch sprachen.

Und daraus leiten Sie die Berechtigung ab, gegen mich aufzutreten! Aufgrund Ihrer eigenen Erfahrung! (Ich habe auch alle Ihre Angaben, was "Dora" betrifft, zu Ihrer Person genauestens - nicht interpretiert, sondern analysiert (Seite 193), aber nichts gefunden, was Ihnen die Legitimation gäbe, mich und meine KL-Darstellung zu disqualifizieren.)

4. Die Darstellung, die Sie auf den Seiten 199 bis 235 Ihres Buches geben, kann ich nur in hohem Maße unverantwortlich und, was ich Ihnen eigentlich nicht zugetraut hätte, unehrlich nennen. Unverantwortlich, weil in einer Reihe von wichtigen Punkten nachweislich falsch oder entstellend, vor allem aber unehrlich, weil geradezu überquellend von persönlichen Insinuationen, die gleichwohl nicht als Tatsachen-Behauptungen vorgebracht werden. Der Charakter der "Vermutung aus den Umständen" ist es, der diesen Typus der Polemik zur gerichtlich nicht angreifbaren Gemeinheit stempelt. Welche Niedrigkeit allein in der Fußnote 27 auf Seite 234; oder im vorletzten Abschnitt der Seite 242

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- und dies, obgleich es auf Seite 199 im ersten Satz heißt: "Ich kenne Eugen Kogon nicht"!

Ihr Verleger hier erweckt den Anschein, als ob Sie Hochschulprofessor wären. Ich jedenfalls bin es in einem ordentlichen Berufungsverfahren aufgrund meiner wissenschaftlichen Leistungen geworden. Sollte das auch bei Ihnen zutreffen, so bitte ich, mir bekanntzugeben, an welcher Hochschule Sie tätig sind, damit ich zwischen uns beiden ein akademisches Ehrenverfahren beantragen kann. (Ich stelle die Frage lediglich, weil ich Ihnen gerichtlich kaum beikommen kann, denn zum einen sind Sie Ausländer, zum anderen insinuieren Sie ja "nur" mit Hilfe von "Werturteilen", die zum Recht des Kritikers gehören. Ich an Ihrer Stelle würde mich verdammt schämen, solche Methoden anzuwenden und dann im Mantel der Objektivität als Wahrheitsapostel aufzutreten. Sie können über die Sache sagen, was Sie wollen, wissen oder meinen, aber doch nicht, wenn Sie ein anständiger Publizist bleiben wollen, über Personen ohne den Schimmer eines konkreten, individuellen Tatsachennachweises).

5. Ein Schöffengericht in München hat am 17. März 1960 den Journalisten Risse und den Politiker Meißner wegen übler Nachrede und Beleidigung, begangen unter anderm gegen mich, nach dreitägiger Verhandlung zu je sechs Monaten Gefängnis mit fünfjähriger Bewährung - und zu einigen weiteren Strafen - verurteilt. Gegenstand der Anklage war unter anderm die Behauptung:

a) ich sei im Konzentrationslager ein Freund und Genosse der Kommunisten gewesen und hätte als solcher eine Vorzugsposition erhalten;

b) ich hätte als Angehöriger der sogenannten Lagerprominenz mir unberechtigte Vorteile zu Lasten anderer verschafft, Drangsalierungen von Häftlingen vorgenommen und Untaten, die gegen Mithäftlinge begangen wurden, gedeckt.

Ich möchte Ihnen dieses Urteil immerhin zur Kenntnis bringen, obgleich ich kaum hoffen kann, daß noch irgendetwas auf Sie Eindruck macht, was Ihrer ausfälligen Selbstgerechtigkeit in die Quere kommt. (Meinen Sie ernstlich, es ließen sich nicht auch Ihnen entehrende Motive unterschieben - mit dem schäbigen Hinweis: Er schreibt doch selbst ...! Dann lesen Sie nach, was auf Seite 110 Ihres Buches 1. Hälfte oder zu Beginn der 2. Hälfte auf Seite 127 steht! Natürlich, selbstverständlich, klar, bei Ihnen war das ganz etwas anderes ... Herrn Kogon kennen Sie zwar nicht, aber beschmieren dürfen Sie ihn, damit Ihre Argumentation besser paßt.)

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6. Ihrem deutschen Verleger wird mein Rechtsanwalt schreiben. Herr Priester ist glücklicherweise kein Ausländer, und bald wird er sich nicht mehr darauf berufen können, daß er etwa guten Glaubens gehandelt habe. Der Verlagsfußnoten zu Ihrem Buch tun ein Übriges.

Das also wäre es. Ich weiß nicht, wo Sie noch überall in Deutschland und vor wem Ihr als Wahrheit und Wohltat und internationale Versöhnung etikettiertes Gift gegen mich verspritzen werden. Möge es Ihnen selbst niemals zum Unheil ausschlagen; jeder Tag, den Sie in Buchenwald und "Dora" zugebracht haben - wie immer -, war schon zuviel.

gez. Eugen Kogon

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3. Meine Antwort

Paul Rassinier
36, rue Bapst, 36
Asnières (Seine)
Asnières, den 5. Mai 1960

 

Herrn
Professor Dr. Eugen Kogon
Falkenstein (Taunus)
Reichenbachweg 21
Haus Bornwiese
Deutschland

Sehr geehrter Herr!

Um zu verhüten, daß meine unzureichenden Kenntnisse der deutschen Sprache zu Mißverständnissen führen könnten, die in einer so wichtigen Auseinandersetzung bedauerliche Folgen nach sich ziehen könnten, habe ich es vorgezogen, Ihr Schreiben vom 28. 3. erst wortwörtlich ins Französische übersetzen zu lassen, um Ihnen erst nach dem zu antworten. Aus diesem Grunde habe ich Ihren Brief sofort nach Erhalt (d. h. am 4. April dieses Jahres) Herrn Priester wieder zugehen lassen mit der Bitte, die Übersetzungsarbeit einem guten Übersetzer anzuvertrauen. Inzwischen erkrankte Herr Priester schwer und starb am 16. April, so plötzlich, daß er meinen Wunsch nicht mehr erfüllen konnte. Seine schwergetroffene Familie konnte sich erst nach einiger Zeit wieder um Dinge kümmern, die nicht direkt mit dem Verlust zusammenhingen, den Brief aus den Papieren heraussuchen und ihn übersetzen lassen. Hieraus ergab sich eine erste Verzögerung, zu der dann noch eine zweite kam: um von vornherein jegliche Meinungsverschiedenheit über den Inhalt und die Bedeutung meiner Antwort auszuschalten, habe ich es vorgezogen, diese Antwort in meiner eigenen Sprache zu denken und niederzuschreiben, sie dann, Ihrer Bequemlichkeit halber, ins Deutsche übertragen zu lassen und Ihnen sowohl Original wie Verdeutschung zu übersenden.

Allein schon aus Anstandsgründen meine ich, Ihnen diese Erklärung geben zu müssen für die eingetretene Verzögerung, die Sie sonst vielleicht versucht sein könnten, in einem ganz anderen Sinne zu deuten. Ich gestatte mir weiter hinzuzufügen, daß ich, gleichfalls aus Anstandsgründen, darauf verzichte, den recht wenig akademischen Ton Ihrer Zeilen zu übernehmen. Sogar wenn ich es gewollt hätte, hätte mein Selbstrespekt es mir verboten.

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Nach diesem Wort vorab, folgen hier - neben einigen Betrachtungen allgemeinerer Art - jene zusätzlichen, berichtigenden oder auf Mutmaßungen beruhenden Präzisierungen, die Sie anscheinend von mir erwarten, oder jedenfalls jene Präzisierungen, die ich Ihnen schuldig bin.

Es ist wohl nicht erforderlich, daß ich übermäßig lange verweile bei den Betrachtungen, die Sie Ihren Fragen und Bemerkungen voranschicken - diese Betrachtungen spiegeln nur den Geisteszustand eines Menschen wider, der sich für das Opfer eines sehr perfektionierten Machiavellismus hält oder halten möchte. Die Tatsachen sind aber wesentlich einfacher: daß Herr Priester Sie erst am 15. März zur Teilnahme an einer der zwischen dem 25. März und 8. April stattfindenden öffentlichen Debatten eingeladen hat, erfolgte lediglich darum, weil erst am 15. März eine Übereinstimmung erreicht worden war zwischen dem Verlag und den seine Bücher vertreibenden Buchhandlungen einerseits und den Inhabern oder Verwaltern der Räumlichkeiten, in denen ich meine Vorlesungen halten würde, andererseits. Es ist weder Herrn Priester noch mir verborgen geblieben, daß die Frist, die Ihnen blieb zwischen dem Tage, an dem Sie benachrichtigt und höflich eingeladen wurden, und den Tagen, an denen die Vorlesungen stattfanden, etwas kurz war. Aber es war eben die Frist, über die wir selber nur zu verfügen hatten; es lag nicht an uns, daß sie nicht länger war.

Ich glaube daher, daß ausführlichere Erklärungen über diese Sachlage sich erübrigen, wie auch darüber, wie unerträglich uns beiden der Gedanke gewesen wäre, Sie öffentlich in Frage zu stellen, ohne alles in unserer Macht Stehende getan zu haben, damit diese Diskussion doch noch in Ihrer Gegenwart erfolgen konnte. Es muß selbstverständlich Ihnen überlassen bleiben, ob Sie weiterhin glauben wollen - oder ob Sie nicht mehr glauben -, daß wir aus Berechnung handelten und "jene billige wohlbekannte Methode, andere ins Unrecht zu setzen", angewandt haben. Aber dies ist in meinen Augen nur mehr eine Frage, die sich aus Ihren späteren Handlungen wird beantworten lassen - im Sinne Ihres guten Glaubens oder des Gegenteils.

Zur Beantwortung Ihrer eigentlichen Fragen und Bemerkungen möge Folgendes dienen, in der von Ihnen gewählten Ordnung:

1. Daß Herr Priester Ihnen schrieb, daß zwischen Ihnen und mir schon vorher ein Briefwechsel stattgefunden habe, beruht nur auf einer Verwechslung, die, soviel ich mich erinnere, entstanden sein mag im Laufe einer Unterhaltung über Sie und viele andere Personen, die heutzutage ihr tägliches Brot dem Platz verdanken, den sie sich durch die Gunst der Umstände in der KZ-Literatur haben schaffen können. Einer von Ihnen hatte mir einen offensichtlich sehr verärgerten, aber als Racheübung gemeinten Brief geschrieben, um mir dann nicht einmal den Erhalt mei-

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ner Antwort zu bestätigen. Die Tatsache, daß ich hinzufügte, daß Sie mir ebensowenig den Erhalt jenes Exemplares der französischen Ausgabe meines Buches bestätigt hatten, welches ich Ihnen 1949 gleich bei Erscheinen übersandt hatte, damit Sie etwaige Berichtigungen vornehmen konnten, ein Schweigen, welches zweifelsohne darauf zurückzuführen war, daß Sie nicht sehr erfreut waren über den Inhalt [2], mag zu diesem Mißverständnis seitens des Herrn Priester geführt haben. Vielleicht lag es auch daran, daß ich mich nicht ganz einwandfrei in der deutschen Sprache ausgedrückt habe.

2. In diesem Abschnitte teilen Sie mir mit, daß Sie gleich nach Erhalt des Exemplars der deutschen Fassung meines Buches, welches ich Ihnen - getreu meinen Grundsätzen - hatte übersenden lassen, es einem Juristen übergeben haben. Von allen Punkten, in denen unsere Auffassungen auseinandergehen, Monsieur, ist gerade hier der Abstand zwischen Ihnen und mir am größten; es ist gleichfalls der Punkt, der mich radikal trennt von denjenigen, die in Frankreich in der gleichen Weise reagierten. Ich würde Sie sicher etwas kränken, wenn ich Ihnen sagte, daß die anerkannten Denker unserer Zeit diese Reaktion vergleichen mit der des Kindes, das sich bei seinem Schulmeister beschwert - und daß sie eine solche Reaktion als primitiv bezeichnen. Ich möchte Ihnen darum lieber sagen, daß sie eine frappante Ähnlichkeit hat mit ihrer logischen Fortsetzung in der Welt der Erwachsenen, d. h. zum Beispiel mit der Reaktion des Papstes, der Galilei verurteilen ließ; daß diese Reaktion daher ein Attentat gegen die Freiheit der Forschung darstellt, daß sie die stärkste Waffe der Obskurantisten gegen die Wahrheitssucher ist; und daß sie nie die Reaktion eines gebildeten Menschen sein kann.

Es wird Ihnen vielleicht nicht entgangen sein, daß, wenn auch ein Papst auf den Gedanken kommen konnte, eine wissenschaftliche Frage durch Juristen entscheiden zu lassen, inzwischen immerhin vier Jahrhunderte vergangen sind, und daß heutzutage kein wirklich gebildeter Mensch daran denken würde, den Juristen unserer Zeit ein geschichtliches Problem zur Entscheidung vorzulegen. Ich habe Ihr Buch, "Der SS-Staat", mit großer Aufmerksamkeit gelesen - die deutsche wie auch die französische Fassung. Damals hatte ich den Eindruck, daß, wenn es als Kompilation auch ein beträchtliches Stück Arbeit darstellte, es doch nur von ziemlich beschränkten analytischen und interpretativen Fähigkeiten zeugt. Seither wurde mir gesagt, daß Sie Ihre akademischen Würden diesem Buch verdanken, eine Behauptung, der ich damals keinen Glauben schenkte. Nach der Lektüre Ihres Briefes jedoch muß ich mich fragen, ob diese Behauptung nicht doch zutreffen könnte. Wie dem auch


[2] Inzwischen habe ich Ihrem Brief entnommen, daß dieses Exemplar Sie nie erreicht hat.

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sei, ich darf Ihnen versichern, daß in Frankreich Ihr Buch wie auch das Ihres Gesinnungsgenossen David Rousset als politisches Pamphlet betrachtet worden wäre, und daß kein akademisches Gremium sich bereit erklärt hätte, es als These zu akzeptieren [3].

Die Geisteshaltung, die ich Ihnen vorwerfe, weil Sie meines Erachtens mit Ihrer jetzigen sozialen Stellung ebensowenig vereinbar sein dürfte wie mit den elementarsten Grundsätzen jenes Humanismus, in dessen Namen Sie zu sprechen glauben, finde ich außerdem noch an zwei weiteren Stellen Ihres Briefes: einmal dort, wo Sie mir ankündigen, daß Sie gerichtliche Schritte gegen meinen Verleger unternehmen wollen (Punkt 6) und weiter an der Stelle, wo Sie mir selber drohen, daß Sie die Angelegenheit beim Ehrenrat der Universität, der ich unterstehen würde, anhängig machen möchten (Punkt 4).

Es steht mir nicht zu, im voraus ein Urteil abzugeben über die Ergebnisse, die einem etwaigen gerichtlichen Vorgehen Ihrerseits gegen meinen Verleger beschieden sein dürften. Ich weiß nur, daß mein Buch in Frankreich von den Gerichten als eine Zeugenaussage von gleicher Wichtigkeit wie alle anderen zugelassen wurde, und daß die Kläger mit der gegen mich erhobenen Klage (Beleidigung und Verleumdung) abgewiesen wurden. Wenn der Jurist, den Sie konsultierten, die deutsche Ausgabe fünf Monate lang in der Schublade hat schlummern lassen, so geschah dies vielleicht deshalb, weil er meinte, daß die deutschen Gerichte vielleicht denselben Standpunkt einnehmen würden wie die französischen (mit Ausnahme eines einzigen Gerichtes, dessen Präsident ein ehemaliger Kollaborateur war - und dessen Rechtsspruch später aufgehoben wurde).


[3] Folgende Erklärung hat Eugen Kogon vor dem Nürnberger Gericht am 6. Januar 1947, im Ärzteprozeß, abgegeben:

"Ich heiße Eugen Kogon, geboren am 2. Februar 1903 in München (Bayern) und besitze die österreichische Staatsangehörigkeit. Ich bin Schriftsteller von Beruf und bin seit April 1946 als Herausgeber einer kulturellen und politischen Monatsschrift, der "Frankfurter Hefte" tätig.

Ich besuchte die Volksschule in München und die höhere Schule der Benediktiner und Dominikaner. Ich habe Volkswirtschaft und Soziologie studiert an den Universitäten München, Florenz und Wien. Seit 1927 wohnte ich in Wien, wo ich damals eine katholische Wochenzeitschrift herausgab. Gleichzeitig war ich Berater des Zentralausschusses der Christlichen Union in Wien. Von 1934 an verwaltete ich das Vermögen des österreichisch-ungarischen Fürsten von Sachsen-Coburg-Gotha. Ich wurde verhaftet am 12. März 1938, d. h. am Tage, an dem die Nationalsozialisten Österreich besetzten. Ich wurde zuerst in Wien im Gefängnis festgehalten, um im Herbst 1939 als politischer Häftling in das Lager Buchenwald eingeliefert zu werden, wo ich bis zur Befreiung blieb.

Ich bin zuerst zu Erdarbeiten herangezogen worden, wurde dann als Schmied und danach als Schneider beschäftigt; Anfang 1942 wurde ich Schreiber in der Pathologischen Abteilung und im Frühling 1943 Sekretär des Hauptsturmführers, später Sturmbannführers Dr. Ding ..." (Aus Dr. François Bayle: "Croix gammée contre Caducée" [= Hakenkreuz gegen Äskulapstab]).

"Ich bin Schriftsteller von Beruf", sagt Herr Kogon. Diese Erklärung beweist, daß er damals noch nicht Professor war, es also erst seitdem geworden ist. Etwa weil er das Buch "Der SS-Staat" geschrieben hat?

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Und was die moralischen Sanktionen und Entschädigungen betrifft, die Sie vor einem akademischen Ehrengericht verlangen könnten, so kann ich ebenso wenig übersehen, was Sie durch einen solchen Schritt im Deutschland des Jahres 1960 erreichen könnten, wo sich unter den Richtern dieser Kollegien doch immer weniger befinden dürften von denen, deren große Zeit 1945 begann. Aber ich darf Ihnen versichern, daß die französische Universität ihren freiheitlichen Traditionen, geboren aus den Umständen, unter denen sie nach dem Fall Abélard, zur Zeit des Albertus Magnus, gegründet wurde, treu geblieben ist, und daß diese Traditionen nur in sehr seltenen Ausnahmen in den düsteren Abschnitten unserer Geschichte verletzt wurden. Daher hat sich die Universität auch 1949 nicht in die Debatte eingemischt, und meine Beschuldiger, wohl wissend, daß eine solche Einmischung nur zu ihrem Nachteil ausfallen würde, haben sich auch nicht mit einer Bitte um Stellungnahme an die Universität gewandt. Wie alle Bücher, die historische Themen behandeln, war auch das meinige Gegenstand einer Debatte im "Bulletin de la Société des Professeurs d'Histoire et de Géographie", einer Debatte, die zu keiner Zeit gegen die Formen des akademischen Meinungsaustausches verstieß, und die dann fortgesetzt wurde in den Zeitschriften, die seitens einer Reihe von Hochschulen für die ganze Lehrerschaft veröffentlicht werden. Damit Sie sich ein Bild machen können von der Meinung, die in diesen Kreisen über mein Buch besteht - und damit Sie die Aussichten abschätzen können, die Ihren etwaigen Schritten beschieden sein dürften, füge ich diesem Schreiben einen Ausschnitt aus der obengenannten Zeitschrift bei, in dem ein französischer Historiker, Maurice Dommanget, ein anerkannter Fachmann auf dem Gebiet der revolutionären Problematik, seine Ansichten zum Ausdruck bringt, die ziemlich genau dem allgemeinen Standpunkt entsprechen. Glauben Sie mir, für unsere Meinungsverschiedenheiten sind nur Historiker zuständig - weder die Justiz noch Verwaltungsinstanzen - und ich bin durchaus bereit, mit Ihnen als Gegner meiner Thesen und Vertreter entgegengesetzter Thesen sämtliche Angaben den in allen deutschen Universitätsstädten bestehenden "Instituten für Zeitgeschichte" [4] zu unterbreiten, falls Sie sich dazu entscheiden können, auch diese Form der Auseinandersetzung neben Ihren anderen Maßnahmen gegen meine Thesen anzuerkennen. Da ich mich nie aus freien Stücken auf politischem Gebiet bewegte habe, wäre diese Form der Diskussion übrigens auch die einzige, die mich interessiert.


[4] Im letzten Augenblick erfahre ich, daß es in Deutschland nur ein "Institut für Zeitgeschichte" gibt und zwar in München. Ich bin also durchaus bereit, mit Ihnen als Gegner meiner Thesen und Vertreter von Gegenthesen meinen Standpunkt vor den Professoren jenes Institutes darzulegen. Nachdem können wir die Auseinandersetzung dann vor Professorengremien aller Universitäten fortsetzen.

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Aber welche auch meine persönlichen Wünsche und Interessen sein mögen, ich habe nicht das Recht zu vergessen, daß Sie mich gebeten haben, Ihnen alle erforderlichen Auskünfte zu geben, um es Ihnen zu ermöglichen, bei meiner vorgesetzten Behörde gegen mich vorzugehen. Ich werde Ihnen außerdem auch die Grenzen einer solchen Aktion angeben, um damit dieses Thema abzuschließen.

Bis zum Tage meiner Verhaftung durch die Gestapo lehrte ich an den "Cours Complémentaires" (= Oberschule) [5] der Stadt Belfort, Universität Besançon (Département du Doubs). Da mein Gesundheitszustand es mir nach der Rückkehr aus dem KZ nicht erlaubte, meinen Beruf wieder auszuüben, wurde ich vorzeitig in den Ruhestand versetzt, mit Wirkung vom 1. Oktober 1950. Ich unterstehe also jetzt keiner akademischen Behörde mehr - und Sie dürfen mir glauben, daß ich diese Tatsache in dem jetzt gegebenen Zusammenhang noch mehr bedauere als in allen anderen! - sondern nur noch wie jeder französische Staatsangehörige in der Sie interessierenden Hinsicht dem Justizministerium.

Sie können die Richtigkeit dieser Angaben überprüfen, indem Sie sich entweder an die "Inspection académique", rue de la Préfecture, Besançon, wenden - oder, um die gewünschte Auskunft schneller zu erhalten, an das "Ministère de l'Education Nationale", 107 rue de Grenelle, Paris (7e).

3. Weil ich Sie nicht kenne (nebenbei bemerkt: auf Französisch bedeutet dieser Ausdruck, wenn Sie ihn wieder in seinen ursprünglichen Zusammenhang stellen, daß ich Ihnen nie begegnet bin), weil ich Sie also nicht persönlich kenne, sprechen Sie mir das Recht ab, meine Meinung über Ihren Zeugenbericht abzugeben. Ich kann Ihnen sagen, daß ich ein solches Argument bisher noch niemals von anderer Seite gehört habe als von einem jener im öffentlichen Leben nur zu zahlreichen Politiker, die, da ihre Zuhörer an die Worte des Sprechers keine allzu strengen Maßstäbe anlegen, sich auch ihrerseits nicht verpflichtet fühlen, ihre Argumente mit besonderer Sorgfalt auszuwählen. Aber wir sind hier nicht in einer öffentlichen politischen Versammlung. Würde ich Ihnen sonst gestehen, daß ich Plato, Sokrates, Perikles, Alexander, Aristoteles, Descartes und so viele andere Philosophen, Verfasser von Memoiren, Soldaten und Staatsmänner ebensowenig persönlich kennengelernt habe und trotzdem in aller Bescheidenheit überzeugt bin, die mir bescheinigten Fähigkeiten in ausreichendem Maße zu besitzen, um über die Taten und die Schriften dieser Männer sprechen zu dürfen? Und daß ich meine, es mir mit noch größerem Recht erlauben zu können, von Ihrem Zeugenbericht zu sprechen als von den Spuren, die die Vorhergenannten in der Geschichte zurückließen, ist ein Anspruch, dessen Be-


[5] Vorbereitungskurse für das Lehrerseminar, Teil der Universität Besançon.

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rechtigung wohl nicht widersprochen werden kann, so kurz und so unvollständig meine persönlichen Erfahrungen in den Konzentrationslagern auch gewesen sein mögen (fast zwei Jahre!). Ich habe mich außerdem bei der Behandlung Ihrer Zeugenaussage in der Form wie in allen anderen Hinsichten strikt an die Gesetze der wissenschaftlichen Geschichtskritik gehalten, genau so, als ob ich vor Schülern oder Studenten über die Memoiren des Saint Simon sprach oder über die Aufzeichnungen der Schwester Pascals bezüglich ihres Bruders oder über irgendeinen anderen Erlebnisbericht oder irgendein anderes Dokument.

Da es mir nun aber gelungen ist, die inneren Widersprüche und die unlogischen Stellen Ihrer Arbeit aufzudecken, und Sie sich dadurch ein wenig verletzt fühlen in Ihrer Eigenliebe, kommen Sie nun zu dem selbstherrlichen Schluß, daß es sich bei meiner Arbeit um Angriffe gegen Ihre Person handelt. Das geschieht fast immer, wenn man die Erlebnisberichte lebender Menschen behandelt. Aber ich habe - wie ich meinen Lesern auch von Anfang an gesagt habe - nie von Anderem gesprochen als von dem, was Sie selber gesagt oder geschrieben haben - ich habe nicht über Ihre Person gesprochen, und, damit man mir nicht vorwerfen könnte, ich hätte Ihre Worte verdreht, habe ich Sie immer sehr gerecht zitiert.

Ein Zeuge, der nicht vertragen kann, daß man seine Aussagen diskutiert, und der alles ins Werk setzt um zu verhindern, daß eine Gegenüberstellung seiner Erklärungen mit denen seiner Zeitgenossen stattfindet, wird immer mit Skepsis betrachtet werden und verdient die Qualitäten nicht, die er für sich in Anspruch nimmt. Diese Regel gilt für mich genau so wie für Sie. Nichts kann Sie daher daran hindern, mein Buch in derselben Weise zu kritisieren, wie ich das Ihrige kritisiert habe; und wie auch die Form sein mag, in der, welche auch die Umstände, unter denen Sie es tun - ich werde Sie niemals vor Gericht zitieren. Allenfalls würde ich unsere Meinungsverschiedenheiten einem Gremium von Historikern vorlegen und zwar, um die Wahrheitsfindung zu erleichtern - nicht um Strafmaßnahmen auszulösen. Als Historiker bin ich mir der Hinfälligkeit aller Erlebnisberichte, einschließlich meines eigenen, sehr wohl bewußt und bin darum in meinem Buch so weit gegangen, daß ich den Leser auf meine eigenen Schwächen hingewiesen habe, um ihn vor mir selber zu warnen. Und nun sehen Sie, wie unlogisch Sie sind: Auch diese Tatsache werfen Sie mir vor!

Diese Art der Diskussion bringt uns nicht weiter. Sehen Sie: vor zwei oder drei Jahren haben die polnischen Kommunisten sich auf Befehl beträchtliche Mühe gegeben, um in der ganzen Welt das Buch "Der Lagerkommandant von Auschwitz spricht ..." zu verbreiten, ein Buch, welches das, was Sie geschrieben haben über die Entstehung der Vergasungen und die Formen, in denen diese erfolgten, nahe-

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zu vollständig ad absurdum führt - und sogar auch einige in Nürnberg gemachte Aussagen. Wenn Sie mein Buch noch einmal aufmerksam durchlesen, werden Sie feststellen, daß sich meine Ansichten über eine Reihe von Punkten, die ich 1949 einer näheren Betrachtung empfohlen hatte, bestätigt haben. Und da liegt wohl der ganze Unterschied zwischen Ihrer Methode und der meinigen.

4. Die moralischen Lehren, die Sie mir unter dieser Ziffer freundlicherweise erteilen, habe ich mit Interesse zur Kenntnis genommen; da sie aber nichts enthalten, was ich nicht in den vorhergehenden Zeilen schon beantwortet hätte, halte ich es nicht für notwendig, das Gesagte zu wiederholen. Da ich außerdem in meiner Jugend Moralprofessoren hatte, die allein schon den Vorrang einer gewählteren Ausdrucksweise besaßen, spüre ich überhaupt keine Lust, abzusteigen auf das Niveau jener Epitheta, mit denen Sie mich so freigebig bedenken. Schließlich möchte ich mich doch auch nicht der Gefahr aussetzen, nochmals von Ihnen beschuldigt zu werden, ich hätte "gemeine, unehrliche, niedrige" Angriffe "voller Insinuationen" gegen Ihre Person verübt, während ich das, was ich zu Anfang dieses Briefes gesagt habe, nämlich, daß mein Selbstrespekt mir eine solche Ausdrucksweise verbietet, nicht Lügen strafen möchte.

5. Bei einem kurzen Besuch der Stadt Mönchen-Gladbach, wo ich am 27. 3. sprach, begegnete ich einer armen Frau, deren Mann in der vorhergehenden Woche auf Grund einer Ihrer Veröffentlichungen verhaftet worden war. Und von Hamburg bis Wien hörte ich von einer großen Anzahl von Fällen, in denen gerichtliche Verfolgungen und Verwaltungsschikanen, die irgendwann zwischen Kriegsschluß und heute stattgefunden hatten, oder die noch immer andauern, Ihnen als Urheber zugeschrieben wurden. Mir haben Sie mitgeteilt, daß Sie Schritte gegen mich unternehmen wollen bei der Behörde, der ich unterstehen würde. Dann erzählen Sie mir von einem Prozeß, den Sie gegen den Journalisten Risse aus München geführt haben, und auf der letzten Seite Ihres Briefes, unter Punkt 6, daß Sie auch meinen Verleger vor Gericht zitieren wollen. Sie sind wahrlich die Vorsehung selber für die Gerichte, und ich beginne mich zu fragen, ob Sie nicht etwa wirklich meinen, Sie wären der Große Gerichtsherr und Großinquisitor, wie Ihr Ruf Sie nennt. Erlauben Sie mir, Sie daran zu erinnern, daß es einmal in Spanien einen Herrn gab, der sich in seinem Verhalten nicht wesentlich von Ihnen unterschied? Einen Herrn namens Torquemada? Und daß die Geschichte gemeinhin wenig Achtung hat vor Gerichtsherren und Inquisitoren?

Ich weiß nur wenig von dem Streit zwischen Ihnen und dem Journalisten Risse. Wenn er behauptet hat, daß Sie der Freund und Genosse der Kommunisten gewesen seien, so glaube ich nicht, daß diese Behauptung weit von der Wahrheit entfernt ist; ich teile übrigens seine Ansicht,

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und Sie bestätigen es selber in Ihrem Buch (Seite 163, von mir zitiert auf Seite 201 der deutschen Ausgabe meines Buches), indem Sie ausführen, daß Sie den Posten, den Sie in Buchenwald innehatten, der geschickten Politik der kommunistischen Häftlinge verdankten. Ich glaube, daß es sich ebensowenig bestreiten läßt, daß es sich hierbei um einen privilegierten Posten handelt, angesichts der Beschreibung, die Sie selber davon gegeben haben (Seiten 163, 218 und 270, von mir angeführt auf Seite 202). Übrigens haben Sie, auf Grund dieser Sachlage, profitiert von den materiellen Vorteilen, über die die Häftlingsführung verfügte, sowie von der Art Ihrer (ziemlich engen) Beziehungen zum SS-Arzt Dr. Ding-Schuler. Wenn der Journalist Risse unter "Vorteile zu Lasten anderer" die "materiellen Vorteile der Häftlingsführung" versteht, so hat er darin sicher nicht Unrecht, und man braucht nur nachzulesen, was Sie selber geschrieben haben (Seiten 107, 110, 111 und 112, von mir zitiert auf den Seiten 207 und 208), um den Beweis in der Hand zu haben, daß diese Vorteile vor der Verteilung von den Lebensmitteln der Masse der Häftlinge genommen wurden.

Hiermit habe ich also alle Fragen und Bemerkungen beantwortet.

Zu beantworten bleibt nur noch die Grundfrage - und diese Grundfrage (die es uns allein ermöglicht hätte, in einem Briefwechsel das ganze Niveau der Diskussion ein wenig anzuheben) wird in Ihrem Schreiben nicht einmal erwähnt. Übrigens habe ich mich in dieser Antwort richten müssen nach dem Inhalt Ihres Schreibens und konnte daher im Vorhergehenden auch nur einige Male, zu kurz, hinweisen auf dieses wesentliche Problem; wenn ich jetzt noch darauf eingehen würde, würde dieser Brief leicht zu lang werden. Ich möchte Ihnen daher nur noch sagen, daß die letzten logischen Schlußfolgerungen aus den Argumenten keinen Zweifel übrig lassen, daß man eines Tages der Ansicht sein dürfte, daß wir, Sie und ich, von demselben Ereignis berichtet haben und zwar: - Sie, indem Sie den Standpunkt der Lagerhierarchie wiedergaben, die später zur Hierarchie der Nachkriegsgesellschaft wurde; oder, anders gesagt, daß Ihre Aussage einer Politik diente - der Tagespolitik - und zwar so, als ob diese Aussage mit dieser Absicht verfaßt worden wäre; und ich, indem ich den Standpunkt der Masse wiedergab, der erfahrungsgemäß in jeder Gesellschaft der wesentlichste Entwicklungsfaktor ist auf dem Wege des Fortschritts - einen Standpunkt, der schließlich im Großen und Ganzen gesehen zwar nicht zum Standpunkt der Geschichte wird, denn die Geschichte hat keinen Standpunkt, aber zum Standpunkt aller späteren Generationen in dem Maße, in dem diese späteren Generationen sich äußern.

Nach diesen zwei Überlegungen wird es noch keineswegs nötig sein, sich zu sehr von der Sprache der Historiker zu entfernen, um sich der

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Sprache der Philosophen zu bedienen (wie es in jeder wissenschaftlichen Abhandlung geschieht, da der Spezialist immer mehr oder weniger gezwungen ist, im Augenblick, wo die Folgerungen formuliert werden, seinen Platz dem Philosophen abzutreten), wenn wir herausstellen, daß der Standpunkt der Hierarchien immer konservativ und reaktionär ist und, um sich die günstigsten Chancen zum Überleben zu sichern, eine Verschwörung des Schweigens organisieren muß gegen alle Dokumente, die seinen Thesen widersprechen. Aus diesem Grunde hat dieser Standpunkt der Hierarchien nichts gemeinsam mit der geschichtlichen Wahrheit: Er ist nur die Tageswahrheit, deren Annahme erzwungen wird durch gegebene Kräfteverhältnisse.

Der Standpunkt der Masse hingegen steht der Zukunft immer aufgeschlossen gegenüber, insoweit er, von der Tageswahrheit bedrängt, immer neue Dokumente heranzieht. Und wenn er sich auch nicht immer im Sinne der Geschichte bewegt, die, wie Sie ebenso gut wissen wie ich, ihre Zickzackentwicklung weitgehend dem jeweiligen Verhältnis der Kräfte verdankt, so entwickelt sich dieser Standpunkt der Masse doch auf die historische Wahrheit zu. Aus diesem Grunde ist der Standpunkt der Masse immer revolutionär, denn die historische Wahrheit selber ist immer revolutionär.

Soll ich Ihnen zum Beispiel sagen, daß Ihr Buch das Verhalten der Häftlingsführungen in allen Lagern gerechtfertigt hat, und daß es demzufolge, da sich diese Häftlingsführungen gemeinhin aus Kommunisten zusammensetzten, seit Kriegsende der kommunistischen Politik als Sprungbrett gedient hat, und nicht etwa als ein unwesentliches. Daß Ihr Buch, indem es das Verhalten der Häftlingsführung rechtfertigte, gleichzeitig alle jene auf dieser Stufe begangenen Scheußlichkeiten rechtfertigte, für die diese Häftlingsführungen in vielen Fällen die Verantwortung nicht auf andere Personen abwälzen können. Sollte ich hinzufügen, daß Sie geschwiegen haben über Dokumente, von denen ich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit annehmen möchte, daß sie Ihnen bekannt waren, und von denen ich hier nur eins nennen möchte: das Tagebuch (1942-1945) des Ausschusses zur Rettung der ungarischen Juden von Herrn Dr. Rezsö Kastner, ein Werk, das dem Nürnberger Gericht dank der Zähigkeit und den beträchtlichen Anstrengungen des ungarischen Widerstandskämpfers Alois Steger (der noch immer verkannt und heute das Opfer der krassesten Undankbarkeit ist) vorgelegt wurde, das es dann praktisch außer Betracht ließ, obwohl es eine der echtesten und objektivsten Aussagen über das Verhalten des Nationalsozialismus sein dürfte? Sollte ich Ihnen sagen, daß Sie durch Taten oder Unterlassungen dazu beigetragen haben, die Auslegungen zweifelhafter Dokumente als echt anerkennen zu lassen, wie zum Beispiel die Wann-

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seeprotokolle, die Befehle, alle Lager mit ihren Wachmannschaften beim Herannahen der Alliierten in die Luft zu sprengen, die lange offiziell anerkannte Version der schmerzlichen Massenertränkungen in der Ostsee, die Statistiken über die Vergasungen, die von miserablen Journalisten in der Presse veröffentlicht wurden, die Beschreibungen dieser Vergasungen und noch so vieles mehr?

Wenn es mir also erlaubt ist, ein Urteil über die geschichtliche Bedeutung Ihres Buches abzugeben (ein solcher Versuch kann selbstverständlich immer nur einen subjektiven Charakter besitzen), so würde ich Folgendes sagen: in der offensichtlichen Absicht, zum Nutzen einer bestimmten Politik, eine Anklageschrift zu verfassen, haben Sie die ganze Verantwortung für die Taten der Vorgängerin dieser Politik, den Durchführern dieser Politik und den Gefängniswächtern angelastet. Nun bin ich der Ansicht, daß diese Verantwortung unzweifelbar bei jenem System liegt, das den Weltkrieg 1914-18 verschuldet hat, aus dem dann eine internationale Politik hervorging, die den Nationalsozialismus hat entstehen lassen. Dieser hat dann in Deutschland Konzentrationslager geschaffen, wie man sie zur gleichen Zeit und mit demselben Zweck, wie auch mit denselben Charakterzügen an vielen anderen Stellen der Welt fand - und wie man sie auch heute noch findet.

Philosophisch betrachtet würde ich sagen: nachdem Sie die ganze Verantwortung dem ausführenden Organ und dem Gefängniswärter aufgebürdet haben, und weil Sie noch immer die Geisteshaltung der Konservativen einnehmen, die will, daß eine Verantwortung immer eine Bestrafung nach sich zieht, hat sich Ihr Fall dadurch noch erschwert, daß Sie konsequenterweise die Bestrafung der ausführende